Abhängigkeiten, Kontrolle und Datenverluste... Wie kommen wir da wieder raus? Oder sind wir gefangen?
Digitale Abhängigkeit entsteht leise. Solange alles funktioniert, fühlt sie sich nicht nach einem Problem an. Sie ist bequem. Eingespielt. Effizient.
Erst wenn jemand anfängt, diese Beziehung zu hinterfragen, wird sichtbar, wie einseitig sie eigentlich ist. Genau darum geht es in diesem Shortcut:
Um unsere Abhängigkeit von digitalen Plattformen, um Komfort als Lockmittel und um die Frage, wie handlungsfähig wir wirklich noch sind.
Eine der treffendsten Beschreibungen dafür kommt aus einer unerwarteten Ecke. Denn in einer satirischen Rede von Marc-Uwe Kling lässt ein Känguru ihm eine Nachricht zukommen:
"Wir müssen uns trennen... Du notierst alles. Du weißt, was ich mir ansehe. Du liest alle meine Mails. Du weißt, wann ich was wie lange tue. Und erzählst dann auch noch anderen davon... Super creepy."
Was zunächst wie ein Witz klingt, ist eine ziemlich präzise Analyse unserer Beziehung zu Big Tech.
Denn hinter dem Humor steckt eine nüchterne Beobachtung: Big Tech und kostenfreie Dienste sind bequem und praktisch. Aber sie sind oft nicht gesund.
Heute schauen wir uns das Thema genauer an.
Die Rede, von der ich im Einstieg spreche, hat Marc-Uwe Kling am 27. Dezember 2025 auf der Bühne des Chaos Communication Congress gehalten.
Das ist ein mehrtägiger Kongress der internationalen Hackerszene in Deutschland, der seit 1984 vom Chaos Computer Club (CCC) organisiert wird.
Und falls Dir das nichts sagt: Der CCC ist die größte Hackervereinigung Europas. Aber bevor jetzt Bilder von Kapuzenpullis, Mate und dunklen Kellerräumen entstehen:
Der CCC ist kein Nerd-Zirkel und kein Technik-Stammtisch. Er ist seit über vierzig Jahren so etwas wie ein Frühwarnsystem für digitale, gesellschaftliche und infrastrukturelle Entwicklungen.
Diese Rolle konnte der CCC mehrfach beweisen: etwa bei der Aufdeckung manipulierbarer Wahlcomputer, die später vom Bundesverfassungsgericht verboten wurden.
Oder bei der Analyse staatlicher Überwachungssoftware wie dem sogenannten Staatstrojaner, dessen Einsatz verfassungsrechtliche Grenzen überschritten hat.
Beim CCC geht es um Machtverhältnisse. Abhängigkeiten. Kontrolle. Und die Frage, was passiert, wenn Systeme, auf die wir uns blind verlassen, plötzlich kippen oder missbraucht werden.
Das Motto des diesjährigen Kongresses lautete "Power Cycles". Passender könnte es kaum sein. Denn "Power" meint hier nicht nur Strom.
Es geht um Energie, um Abhängigkeiten, um Konzentration von Macht. Und um die immer gleichen Zyklen: Zentralisierung, Bequemlichkeit, Abhängigkeit.
Bis es knallt. Dann fangen wir wieder von vorne an. Und es knallt, wenn Strom fehlt, Netze ausfallen oder Zugänge gesperrt werden und plötzlich sichtbar wird, wie fragil die Bequemlichkeit war.
Genau deshalb wird auf dem CCC über Dinge gesprochen, die viele noch für theoretisch halten.
Zum Beispiel über Digitale Souveränität, also die Fähigkeit, zentrale digitale Prozesse selbst zu kontrollieren oder zumindest realistische Alternativen zu haben.
Oder über kritische Infrastruktur, die längst nicht mehr nur Strom und Wasser umfasst, sondern auch Rechenzentren, Cloud-Plattformen, Identitätsdienste und Kommunikationssysteme.
Und die Frage, wem unsere Daten gehören und wer im Zweifel den Stecker ziehen kann.
Diese Themen betreffen längst nicht mehr nur Technikaffine oder Aktivisten. Sie betreffen Unternehmen. Organisationen. Verwaltungen. Und letztlich jeden, der digitale Dienste nutzt, um arbeitsfähig zu bleiben.
Der CCC ist ein Ort, wo die Leute genau hinschauen. Und genau deshalb lohnt es sich auch für uns, sehr genau hinzuhören, wenn dort über Abhängigkeiten gesprochen wird: Als Einladung, die eigenen Annahmen zu überprüfen.
Die oft werbefinanzierten Dienste der Big Player sind das Standardmodell im Netz. Und das Perfide daran ist: Es fühlt sich nach Wahlfreiheit an.
Du klickst Dich irgendwo rein, es kostet scheinbar nichts, und zwei Minuten später läuft der Laden.
Nur ist "kostenlos" in den seltensten Fällen wirklich kostenlos. Du zahlst fast immer. Nur eben nicht mit Geld, sondern mit Deinen privaten Daten, Deiner Aufmerksamkeit und am Ende mit Abhängigkeit.
Aber ich möchte hier niemanden bloßstellen oder sagen, dass ein Weg richtig oder falsch ist. Es ist einfach nur die Feststellung, dass das schlicht das Geschäftsmodell der Big Player ist.
Wenn der Dienst gratis ist, bist Du nicht der Kunde. Du bist das Produkt. Oder, etwas weniger plakativ: Du bist der Rohstoff.
Und genau da kommt der Komfort ins Spiel. Bequemlichkeit ist der stärkste Treiber für Abhängigkeit. Niemand wacht morgens auf und denkt: Heute gebe ich mal freiwillig Kontrolle ab.
Man will einfach nur, dass es funktioniert. Mail. Kalender. Suche. Karten. Kollaboration. Dateiablage. Ein Login für alles, einmal eingerichtet, nie wieder anfassen. Das ist ja auch der Charme. Bis es sich rächt.
Das beste Beispiel für diese Hassliebe ist für mich Google. Wenn Du dort Inhalte veröffentlichst, willst Du gefunden werden...
Und wenn Du gefunden werden willst, kommst Du an Google kaum vorbei. Also öffnest Du die Tür.
Du lässt crawlen. Du akzeptierst Bedingungen, die Du nicht verhandeln kannst. Du hältst Dich an Regeln, die sich ändern können, ohne dass Dich jemand fragt.
Und das ist die ekelhafte Stelle: Du bist abhängig, aber Du nennst es Reichweite.
Es gab immer wieder Publisher, die gesagt haben: Wir machen da nicht mehr mit, indiziert unseren Kram nicht.
Und dann kam die Realität sehr schnell um die Ecke. Wenn plötzlich 60, 70, 80 Prozent des Traffics weg sind, ist der Idealismus meistens nach zwei Quartalen aufgebraucht.
Dann wird das Tor wieder aufgemacht. Nicht, weil man überzeugt wurde, sondern weil man es sich nicht leisten kann, es geschlossen zu halten.
Hier lohnt es sich einmal kurz innezuhalten und sich folgende Fragen zu stellen:
→ Wo geben wir Kontrolle ab, ohne es zu merken? Im Unternehmen und privat?
→ Wo machen wir uns abhängig? Weil es einfach ist, weil es bequem ist, weil es "alle so machen"?
→ Und wofür könnte diese Abhängigkeit sorgen? Wo macht es uns angreifbar? Verletzlich?
Wenn Du das einmal klar siehst, ist der nächste Schritt fast zwangsläufig: Du fängst an, bewusster zu entscheiden. Nicht dogmatisch. Nicht mit digitalem Reinheitsgebot.
Sondern mit dem simplen Ziel, wieder etwas mehr Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit zurückzubekommen.
Die Frage, die bis jetzt offen geblieben ist, ist was machen wir denn jetzt damit? Sind wir einfach ausgeliefert und müssen uns unterwerfen? Oder gibt es Alternativen?
Um dieses Thema geht es auch am Ende der Rede von Marc-Uwe Kling. Denn er selbst hat sich auch die Frage gestellt, wie wir damit umzugehen haben.
Und die Lösung heißt "Digital Independence Day". Die Logik dahinter ist simpel:
Du versuchst nicht, dein digitales Leben von heute auf morgen umzubauen. Das Motto lautet: "Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln!". Du nimmst dir also einmal im Monat eine Sache vor und wechselst sie.
Eine sehr greifbare Idee, wie man mit diesen Abhängigkeiten umgehen kann.
Ein Wechsel pro Monat. Ein Dienst. Ein Baustein. Ein bewusster Schritt. Mehr nicht.
Und der Ansatz ist deshalb interessant, weil er realistisch ist.
Niemand fordert, morgen alle Big-Tech-Dienste zu kündigen. Niemand behauptet, dass man ohne Google, Microsoft oder Apple heute problemlos arbeiten kann. Das wäre weltfremd.
Stattdessen geht es um ein +1- Prinzip. Also füge eine Alternative hinzu und entferne dafür einen Big Player.
Wenn Du Big-Tech-Dienste brauchst, dann nutze sie. Beruflich ist das in vielen Fällen schlicht notwendig.
Aber bau Dir parallel Alternativen auf. Nicht als Ersatz von heute auf morgen. Sondern als zweite Option, Absicherung und als Möglichkeit, im Zweifel handlungsfähig zu bleiben.
Das kann sehr klein anfangen. Ein alternativer Messenger neben WhatsApp. Eine zweite Mailadresse bei einem datenschutzfreundlicheren Anbieter. Eine andere Suchmaschine, die Du testweise nutzt. Ein zusätzlicher Social-Kanal außerhalb der großen Plattformen.
Auf der Website des Digital Independence Day gibt es dafür konkrete "Wechselrezepte". Überschaubare und verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen für genau solche Wechsel.
Wichtig ist dabei eine klare Unterscheidung. Privat lässt sich vieles relativ schnell umsetzen. Du entscheidest selbst, testest, passt an. Die Konsequenzen sind überschaubar.
Im Unternehmen ist das deutlich komplexer. Dort hängen Prozesse, Verträge, Gewohnheiten und Verantwortung dran. Wechsel brauchen Zeit, Planung und oft auch Kompromissbereitschaft.
Plattformen wie European Alternatives können hier helfen, einen Überblick zu bekommen. Sie sind eine gute Orientierung, um überhaupt zu sehen, welche Alternativen existieren.
Am Ende geht es nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, sich bewusst zu fragen:
→ Wo habe ich heute keine Alternative?
→ Wo wäre es sinnvoll, zumindest eine zweite Option zu haben?
→ Und wo nehme ich Abhängigkeiten in Kauf, obwohl ich es eigentlich gar nicht müsste?
Der Digital Independence Day liefert darauf keine endgültigen Antworten. Aber er macht es leichter, überhaupt anzufangen.
Der nächste Digital Independence Day ist am 01. Februar. Bist Du mit dabei?
Wenn Du nur eine Empfehlung von heute mitnehmen willst: Dann schau Dir die komplette CCC-Rede an.
Dabei geht es um Überwachung als Geschäftsmodell, Abhängigkeiten, Big-Tech-PR, KI-Halluzinationen und warum "das Internet" gerade an vielen Stellen kippt.
Hier kommst Du zur Rede: 39C3 - Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day
Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team