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Macht KI uns alle überflüssig?

The Shortcut

Dein Wissen hat kein Ablaufdatum – Warum Deine Erfahrung unbezahlbar ist

22 Stunden für ein Produkt. Aber die 30 Jahre davor haben entschieden, ob es das richtige Produkt war.

Patrick Lenz

Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler

Blutige Nasen sind Dein Wettbewerbsvorteil

Letzten Donnerstag stand ich mit einem Freund und meinem Camper irgendwo im Frankenland. Den Tag davor hatten wir eine Idee für ein neues Produkt...

22 Stunden später war es fast fertig. Nicht Wochen. Nicht Monate. Stunden.

Das ist die Realität, in der wir gerade leben.

Und sie betrifft nicht nur mich. Überall auf der Welt bauen Entwickler gerade Dinge in Stunden, für die sie vor noch zwei Jahren Wochen oder Monate gebraucht hätten.

Komplette Apps, funktionierende Prototypen, ganze Geschäftsideen – alles möglich an einem Nachmittag.

Doch durch diese Entwicklung bekommen viele Angst. Die Etablierten, dass jemand ihr Mittagessen frisst. Die Neuen, dass ihr Vorsprung in sechs Monaten wieder weg ist.

Selbst diejenigen, die mit den Werkzeugen umgehen können, fragen sich: Wie lange bin ich noch relevant?

Und trotzdem glaube ich: Es gibt etwas, das bleibt und wir sollten mit erhobenem Kopf weitergehen. Darum geht es heute.

Thema 01

Warum Deine Narben mehr wert sind als jeder Code

Letzte Woche haben wir mit der blutigen Nase aufgehört. Heute knüpfen wir genau daran an.

Stell Dir vor, Du baust Dir an einem Nachmittag ein eigenes Bezahlsystem. Routing, Fehlerbehandlung, Wiederholungslogik, alles drin. Das System läuft. Besteht Deine Tests. Du gehst live.

Dann ändert eine Bank irgendwo auf der Welt zum Beispiel ihre Betrugsregeln. Plötzlich lösen Deine Wiederholungsversuche Fehlalarme aus.

Du reparierst den Fehler, aber die Reparatur verzögert Abrechnungen über eine Frist hinaus, von der Du gar nicht wusstest, dass sie existiert. Dadurch werden Gelder eingefroren.

Jedes Mal, wenn Du ein Problem gelöst hast, taucht ein neues auf, das Du vorher gar nicht spezifizieren konntest.

Und am Ende gibst Du auf und zahlst wieder den etablierten Anbieter, von dem du vorher weggehen wolltest.

Durch diese Erfahrung wird klar: Du zahlst den Anbieter nicht für seinen Code. Den kannst Du inzwischen selbst bauen. Du zahlst für alles, was er durch jahrelanges Operieren in einem System gelernt hat, das sich ständig verändert. Für sein Narbengewebe.

Patrick Lenz im Tinyhouse 2024

Wissen, das jeder googeln kann, führt am Ende zum gleichen Ergebnis. Egal wer es nachschlägt.

Aber operatives Wissen, wie Regulatorik in Deiner Branche wirklich funktioniert, warum Dein Kunde auf eine bestimmte Sache allergisch reagiert, welche Prozesse bei Dir schon dreimal gescheitert sind und warum... das kann keiner abkürzen.

Es gibt für Dich einen ganz simplen Test:

Kann jemand mit genug Geld und Zeit Deinen Wissensvorsprung einholen, indem er Deinen aktuellen Zustand studiert?

Wenn ja, ist Dein Vorsprung ein Countdown, der abläuft. Wenn nein, wächst Dein Vorsprung mit jedem Jahr, das Du operierst.

Was ich Dir mit all dem sagen möchte ist eines... Du bist kein Startup mehr. Du hast über Jahre Erfahrungen gesammelt, die keine KI mal eben aus dem Ärmel schüttelt.

Das ist Dein Schutzwall. Aber was passiert gerade da draußen, das diesen Schutzwall überhaupt nötig macht?

 
Thema 02

Der Flaschenhals sind nicht die Finger an der Tastatur

1975 hat Frederick Brooks ein Buch geschrieben, das bis heute in der Softwareentwicklung zitiert wird: "The Mythical Man-Month".

Seine Kernaussage: Wenn Du mehr Leute auf ein verspätetes Projekt wirfst, wird es nicht schneller, sondern langsamer. Denn der Flaschenhals war nie das Tippen. Es war immer das Denken, das Koordinieren, das Entscheiden.

Wes McKinney, einer der bekanntesten Softwareentwickler im Datenbereich, hat das Konzept diesen Monat auf KI-Agenten übertragen.

Sein Punkt ist, dass Du jetzt zehn KI-Agenten parallel laufen lassen kannst. Alle produzieren Code und Output in einer Geschwindigkeit, die noch vor zwei Jahren undenkbar war.

Aber wenn keiner weiß, wohin die Reise geht, baust Du eben nur schneller in die falsche Richtung.

Es gibt zwei Arten von Komplexität

Technischer Kleinkram: Wie schreibe ich eine Konfigurationsdatei, wie funktioniert diese Bibliothek, wie formatiere ich das richtig? Das lösen Agents mittlerweile brillant.

Die eigentliche Herausforderung: Was bauen wir? Warum? Für wen? Und was lassen wir bewusst weg? Das bleibt menschlich.

Unser 22-Stunden-Produkt aus der Einleitung ist inzwischen fast fertig. Aber „fast fertig“ heißt eben nicht fertig. Da werden wir nochmal mit dem feinzinkigen Kamm drüber gehen.

Sicherstellen, dass es keine Sicherheitslücken gibt. Dass da nicht nur eine flashige Marketing-Message steht, sondern echtes Fleisch am Knochen ist.

Bauen ging in 22 Stunden. Verantworten dauert länger.

Der Weg mit und ohne KI

Anderes Beispiel, gleiche Erkenntnis: Ein Entwickler beschreibt in seinem Blog "AI and My Crisis of Meaning", wie er für einen Kunden eine App gebaut hat. Geplant waren 12 Wochen. Gedauert hat es 3 Stunden.

Aber nicht, weil die Arbeit weniger geworden ist, sondern weil er nach Jahren im Geschäft weiß, was funktioniert, was er testen muss und wo die Fallstricke liegen. Ohne diese Erfahrung wären aus 3 Stunden wieder Wochen geworden.

Und trotzdem schreibt er, statt sich darüber zu freuen, wie schnell und effizient inzwischen alles geht: „Wie lange dauert es wohl noch, bis der Kunde das einfach selbst macht?“

Die Ausführung und Erstellung von Aufgaben alleine schützen Dich nicht mehr. Jeder kann jetzt etwas entwickeln und erstellen. Was bleibt, ist die Frage: Was bauen wir und warum genau das?

Diejenigen, die nur ausführen (die abarbeiten, was andere vorgeben) die stehen vor einem echten Problem. Weil reine Ausführung ersetzbar wird.

Aber diejenigen, die wissen, was gebaut werden muss? Die eine Vision haben, einen Kompass, ein Gespür dafür, was funktioniert und was nicht? Die werden wertvoller.

Fakt ist: Es kommt nicht morgen jemand um die Ecke und backt mit KI Brötchen. Aber „läuft doch“ reicht eben auch nicht mehr.

Die Frage ist, ob Du dich jetzt bewusst anpasst oder ob Du wartest, bis Du keine Wahl mehr hast.

Und bewusst anpassen heißt nicht, drei Jahre im stillen Kämmerlein zu planen und dann rauszukommen und festzustellen, dass die Welt sich weitergedreht hat.

Es heißt: Regelmäßig auf dem neusten Stand bleiben. Prüfen, ob die Richtung noch stimmt. Korrigieren, wo nötig. Und dann weitermachen.

Keine radikale Revolution. Sondern eine Evolution, die nie aufhört, in dem, was Du weißt, und dem, was Du damit machst.

Die Werkzeuge sind also da. Sie werden auch immer besser. Aber was machen sie eigentlich mit uns? Mit unserem Kopf, unserer Konzentration, unserem Alltag?

 
Thema 03

Warum Du seit KI erschöpfter bist, obwohl Du mehr schaffst

Kennst Du das? Du hast einen Handwerker für zu Hause bestellt. Der kündigt sich dann an für irgendwann zwischen 8 und 12 Uhr.

Wenn er da ist, weißt Du nicht, wann er wieder fertig ist. Und noch oben drauf kannst Du nur schwer nachvollziehen, ob hinterher mehr oder weniger funktioniert als vorher.

Während der Handwerker aktiv ist, fängst Du oft gar nicht erst etwas anderes produktives an, weil Du genau weißt: Sobald Du im Flow bist, kommt „Herr Lenz, ich bin fertig, brauche mal eine Unterschrift.“

So sieht mein Alltag aktuell mit KI-Agenten aus.

Regelmäßig erwische ich mich dabei, dass ich eigentlich aufhören wollte zu arbeiten. Aber dann habe ich noch kurz gewartet, bis die KI mit ihrer Aufgabe fertig ist. Und dann nochmal. Und nochmal.

Denn Du gibst einem KI-Agenten eine Aufgabe, und er arbeitet. Manchmal zwei Sekunden, manchmal zwei Minuten, manchmal zwanzig. Du weißt es vorher eben nicht.

So kommt es vor, dass ich an drei Softwareprojekten gleichzeitig arbeite. Und an jedem ist dann ein anderer Agent beteiligt.

Immer im Kontext hin und her zu wechseln macht echt müde... Am Abend habe ich das Haus nicht verlassen und fühle mich teilweise trotzdem, als hätte ich einen Marathon hinter mir.

Deswegen mache ich manchmal auch einfach gar nichts zwischendurch. Warte bewusst. Mache zum Beispiel den Abwasch. Räume auf... Weil ich weiß: Wenn ich jetzt noch was anderes starte, bin ich danach mental erstmal raus.

Und das Zurückkommen kostet mehr als das Warten.

Patrick Lenz im Büro am Arbeiten

Jenny Wanger, UX-Forscherin, hat genau darüber einen Artikel geschrieben:

Nach zehn Sekunden Wartezeit driftet unsere Aufmerksamkeit ab.

Und die variablen Antwortzeiten von KI (mal zwei Sekunden, mal zwei Minuten) schaffen dutzende solcher Mikro-Ablenkungen pro Tag.

Eigentlich heißt es ja: Multitasking funktioniert nicht. Stimmt auch. Nur das Problem ist: Die Agents sind hundertfach schneller als wir.

Selbst wenn Du durch das Hin-und-Her-Springen 40 Prozent verlierst, bist Du immer noch hundertmal schneller als ganz ohne KI. Also nimmst Du es in Kauf. Aber es hat den Preis unserer Aufmerksamkeit.

Doch das war auch schon vor KI ein Thema. Shorts, Reels, TikTok... die Spanne schrumpft seit Jahren. KI-Tools kommen obendrauf und verstärken, was sowieso schon da war:

Das Gefühl, ständig produktiv zu sein, während Du eigentlich nur ständig beschäftigt bist.

Da braucht es Leitplanken, als bewusste Entscheidung: Entweder Du wartest – und nimmst den Leerlauf in Kauf, machst Abwasch, gehst kurz raus. Oder Du arbeitest wirklich.

Was nicht funktioniert, ist das Dazwischen. Die Leitplanke hält Dich auf der Spur, in die eine oder die andere Richtung. Halb warten, halb arbeiten frisst mehr Energie als beides zusammen.

Ich traue mich schon lange nicht mehr, fünf Jahre in die Zukunft zu gucken. Geht auch gar nicht. Und muss auch nicht sein.

Was ich jedoch weiß: KI baut immer noch genug Mist, dass es Dich und mich morgen und übermorgen definitiv noch braucht. Und allgemein: Nicht die KI wird Dich ersetzen. Stillstand wird Dich ersetzen.

Ja, eine gewisse Angst ist berechtigt. Aber Du hast etwas, das nicht kopierbar ist. Dein Urteilsvermögen durch all die blutigen Nasen, die Du Dir über die Jahre geholt hast.

Aber ein Hinweis:

Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach.

Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht.

Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich hier ein.

Das war der Shortcut für diese Woche!

22 Stunden für ein Produkt... Aber die 30 Jahre davor haben entschieden, ob es das richtige Produkt war – Steinmetz und Henry Ford wussten das früher auch schon 😉

Wenn Du genau diese Erfahrung im Bereich IT und KI für Dein Unternehmen brauchst: Antworte einfach auf diese E-Mail oder buche Dir direkt einen Termin bei mir.

Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team