Wie Algorithmen Deine Marktbeobachtung verzerren
Du wirst täglich manipuliert – Warum der Algorithmus Dein größter blinder Fleck ist
Du denkst, es wäre Deine Entscheidung? Ist es nicht.
Patrick Lenz
Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler
Ich war letztens bei meinem Physio. In der Praxis läuft immer Musik. Und irgendwann kamen wir darauf, was eigentlich gerade für ein Lied läuft.
Er erzählte mir dann von der Band: Sleep Token. Keiner kann so wirklich sagen, welchem Genre die angehören. Ein bisschen Metal, ein bisschen Pop, ein bisschen alles.
Und dann habe ich nachgeschaut. Ein Song von denen war sogar schon vorher in meiner Fitness-Playlist. Ich hatte ihn selbst reingepackt. Irgendwann. Irgendwo. Ich wusste es nur nicht mehr.
Diese Woche bin ich dann auch über meinen YouTube Algorithmus auf die Show Hot Ones gestoßen. Eine Interviewshow, in der Promis beim Reden immer schärfere Chicken Wings essen.
Völlig absurd – aber unglaublich lustig. Und es gibt sie bereits seit über einem Jahrzehnt. Aktuell läuft Season 29.
Das waren zwei sehr unterschiedliche Entdeckungen. Dennoch steckt dasselbe Prinzip dahinter.
Sleep Token: erst als mir jemand davon erzählt hat, habe ich die Band wirklich wahrgenommen, obwohl schon ein Song in meiner Playlist war.
Hot Ones: erst als der Algorithmus mir das nach Jahrzehnten ausgespielt hat, konnte ich es wahrnehmen. Ein absoluter Zufallstreffer.
In beiden Fällen war ich von einer Empfehlung abhängig.
Und das bringt mich zu der Frage, wie wir die besten Entscheidungen für unsere Unternehmen treffen können.
Denn wie viel von dem, was gerade wichtig ist, sehen wir nicht? Und wo haben wir die falschen Dinge im Blickfeld?
Unsere heutigen Themen
Der Algorithmus interessiert sich nicht für Dich
Als Unternehmer ist es unsere Aufgabe, ein breites Bild zu haben. Das bedeutet, dass Du alles im Blick haben musst:
Was gerade in Deiner Branche passiert. Was Deine Kunden morgen brauchen. Wohin sich der Markt entwickelt. Aber auch geopolitische und andere Entwicklungen solltest Du auf dem Schirm haben.
Nur so kannst Du heute entscheiden, wie Du Dein Unternehmen in zwei, drei Jahren aufstellst. Doch dieser weite und vor allem uneingenommene Blick wird durch einen Faktor brutal schwer: die heutigen Algorithmen.
Ich habe auf YouTube über 200 Kanäle abonniert. Weißt Du, wie viele davon regelmäßig auf meiner Startseite auftauchen? Vielleicht vier. Immer wieder dieselben Kanäle.
Ich bin mir sicher, dass viele der anderen 196+ Kanäle auch regelmäßig Videos veröffentlichen. Ich sehe sie aber einfach nicht.
Das ist von den Plattformen jedoch völlige Absicht. Algorithmen optimieren nicht darauf, was Du abonniert hast oder Dir gut tut. Sie optimieren darauf, dass Du lange drauf bleibst.
Watch Time. Engagement. Werbeeinnahmen. Du bist nicht der Kunde... Du bist das Produkt. Und das zieht sich durch alle Plattformen und Anbieter.
Die verschiedenen Plattformen bieten Dir dabei eine vermeintliche Kontrolle.
Bei YouTube kannst Du sagen: „Das gefällt mir nicht, weniger davon anzeigen.“ Bei Netflix wählst Du bei der Einrichtung drei Lieblingsfilme und Serien aus. Bei LinkedIn kannst Du Deinen Feed anpassen und Beiträge ausblenden.
Und ja, ein bisschen was bewegt sich dadurch. Mit viel Geduld kannst Du den Algorithmus langsam in eine Richtung trainieren. Deswegen mein Tipp: Blend Inhalte aktiv aus, die Dich nicht interessieren.
Allerdings entscheidest am Ende des Tages trotzdem nicht Du, was Dir wirklich ausgespielt wird. Dennoch bleiben wir auf den Plattformen, weil sie genau wissen, wie sie uns halten.
Ab und zu bekommst Du ein gutes Video empfohlen. Ein kleines Leckerli, genau im richtigen Moment. Und dann machst Du weiter. Ein Slot-Automat in Las Vegas funktioniert nicht groß anders.
Eine Abhängigkeit, die über unser Leben entscheidet?
Musik und Entertainment... Das sind harmlose Beispiele. Aber jetzt dieselbe Frage für Dein Unternehmen.
Du triffst täglich Entscheidungen. Über Märkte, Wettbewerber, Technologien, Deine Positionierung. Und die Qualität dieser Entscheidungen hängt direkt davon ab, was Du wahrnimmst.
Was Du nicht siehst, existiert für Dich nicht.
Die Philosophie hat dafür sogar einen Namen: Menons Paradoxon. Der Grundgedanke ist so simpel wie unbequem.
→ Weißt Du bereits, was Du suchst — brauchst Du nicht mehr zu suchen.
→ Weißt Du nicht, was Du suchst — kannst Du gar nicht suchen.
→ Und selbst wenn Du zufällig drauf stößt, erkennst Du es nicht. Weil Du es ja nicht kanntest.
Im Privaten ist das vielleicht harmlos. Im Unternehmen nicht.
Ein Wettbewerber der sich gerade neu positioniert. Eine Technologie die Deine Branche gerade beginnt zu verändern. Ein Kundenbedürfnis das sich verschoben hat.
All das erfährst Du nicht... bis es zu spät ist.

Das Problem ist dabei nicht, dass der Algorithmus Dir gar nichts Relevantes zeigt. Wenn Du Dich zum Beispiel heute für das Thema künstliche Intelligenz interessierst, bekommst Du morgen wahrscheinlich auch das Update zur künstlichen Intelligenz.
Das Problem ist die Abhängigkeit. Du bekommst immer mehr vom Gleichen. Immer tiefer in dieselbe Richtung. Aber nie den Blick zur Seite.
Du bist vollständig abhängig davon, was diverse Plattformen, Menschen und Medien entscheiden Dir heute zu zeigen. Du siehst alles, was gerade in ihrem Interesse ist, Dir auszuspielen.
Das betrifft Dein Social Media, Deine Google-Suche, die Artikel die Du liest, die Themen die Du verfolgst. All das formt täglich Dein Bild davon, was in Deiner Branche und auf der Welt passiert.
Du nennst es Marktbeobachtung. In Wirklichkeit schaust Du durch eine Linse, die jemand anderes für Dich einstellt.
Kontrolle zurückholen. Aber wie?
Die gute Nachricht: Du kannst etwas dagegen tun. Die schlechte: Den Algorithmus der großen Player wirst Du nie 100% besiegen. Die sind zu groß, zu gut finanziert und zu sehr darauf ausgelegt, Dich auf den Plattformen zu halten.
Aber Du kannst entscheiden, ob die Plattform Dich nutzt... oder ob Du die Plattform benutzt.
7 Tipps wie Du deinen Algorithmus bedienst – nicht er Dich
TIPP 1
Mit Intention rein... nicht aus Gewohnheit
Bevor Du eine Plattform öffnest halte eine Sekunde inne. „Was will ich gerade eigentlich? Suche ich etwas Konkretes? Will ich mich informieren? Oder öffne ich die App einfach aus Gewohnheit?“
Diese Intention bedeutet auch: aktiv suchen statt passiv konsumieren. Geh zum Beispiel bewusst in Deine Abo-Liste auf YouTube. Wer hat zuletzt etwas veröffentlicht, den Du schon längst vergessen hattest? Schau dabei auch mal jenseits Deiner üblichen Themen.
Und wenn Du eine Plattform öffnest und immer wieder dasselbe siehst wie gestern — nur in anderer Reihenfolge: Schließ sie. Du bist gerade im Tunnel.
TIPP 2
Deinen Feed mit Inkognito schützen
Wenn Du einfach abschalten willst, Memes suchst oder irgendwas Sinnfreies schaust — öffne immer den Inkognito-Browser und bleib ausgeloggt. So bleibt Dein Hauptfeed sauber.
TIPP 3
Befreie Dich von Werbung
Überall wo es geht: Investiere in die Premium Versionen. Jede Werbung reißt Dich raus. Unterbricht den Gedanken. Kostet Nerven. YouTube Premium kostet 12,99 € im Monat. Nutzer sehen im Schnitt rund 23 Werbespots pro Stunde.

Aber die ehrlichste Gegenstrategie ist keine digitale. Es ist das menschliche und soziale... Gespräche mit anderen Menschen.
Mein Physio hat mir Sleep Token empfohlen. Ein zufälliges Gespräch, weil in der Praxis Musik lief und wir irgendwie darauf gekommen sind. Das hätte mir kein Algorithmus ausgespielt.
Das passiert Dir auch. Auf einer Netzwerkveranstaltung. Beim Branchenverband. In irgendeiner User Group. Beim Mittagessen mit jemandem aus einer völlig anderen Branche.
Das sind die Momente, in denen Du etwas erfährst, das kein Feed der Welt Dir gezeigt hätte.
Abschließend sollte uns klar sein, dass wir immer viel Input brauchen, um uns eine fundierte Meinung bilden zu können. Online und offline. In kurzer Form und mal in Tiefe. Von Algorithmen, aber auch von Menschen.
Deswegen geh in den Austausch, sprech mit anderen Menschen und hole Dir die verschiedensten Blickwinkel. Dein Zukunfts-Ich wird es Dir danken.
Aber ein Hinweis:
Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach.
Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht.
Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich hier ein: