Dein Papierkorb ist voll

The Shortcut

Wenn nicht mal mehr Löschen geht …

Ein voller Speicher, ein voller Kopf und eine unbequeme Frage.

Neulich saß ich an meinem Mac und diese komische kleine Blase oben in der Menüleiste meldete sich mal wieder. Speicher fast voll, ich solle bitte aufräumen.

Na gut, dachte ich, klicke ich mich durch und schmeiße ein paar alte Sachen raus. Nur landet bei OneDrive ja alles Gelöschte erstmal im Papierkorb.

Der Speicher ist hinterher also nicht leerer. Er ist nur anders voll. Voller Papierkorb eben.

Also gehe ich in den Papierkorb, um auch den zu löschen. Und da sagt mir das Ding doch tatsächlich, ganz in Ruhe: Sorry, geht nicht, Dein Speicher ist voll.

Ich musste den Satz zweimal lesen. Ich hatte zu wenig Platz, um überhaupt etwas loszuwerden. Absurder geht kaum.

Bildschirmmeldung, dass das Speicherlimit überschritten ist und man den Papierkorb leeren soll

Und je länger ich davor saß, desto weniger ging es um meinen Speicher. Mein Rechner hatte mir da gerade, ohne es zu wollen, ziemlich genau einen Spiegel für meinen eigenen Alltag vorgehalten.

Und damit stellt sich eine unbequeme Frage. Wann hast Du das letzte Mal wirklich an Deinem Unternehmen gearbeitet und nicht nur darin?

Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.

Unsere heutigen Themen

  1. Woran Du merkst, dass Dein Kopf voll ist
  2. Rettet Dich die KI da raus?
  3. Wie Du wieder Platz schaffst

01

Woran Du merkst, dass Dein Kopf voll ist

Vielleicht kennst Du diesen Spiegel. Dein Kopf ist voll und von innen merkst Du das kaum. Du fühlst Dich einfach nur beschäftigt.

Der Tag rennt, das Telefon klingelt, die Mails stapeln sich. Und abends fragst Du Dich, was eigentlich wirklich vorangekommen ist.

Woran Du es trotzdem erkennst, ist ein einziger Unterschied. Du arbeitest nur noch ab. Du optimierst nichts mehr, Du koordinierst nichts mehr, Du entwickelst nichts mehr weiter.

Wird es dann eng, machst Du weiter das Dringende. Das Wichtige fällt als Erstes weg.

Der Kundenanruf drängelt sich vor, die Rechnung muss raus, die Mail noch schnell. Der halbe Tag, an dem Du mal überlegst, wo Dein Betrieb eigentlich hinsoll, wird als Erstes übersprungen.

Du arbeitest nur noch im Unternehmen und nicht mehr am Unternehmen.

Ausgerechnet das, was Du zuerst streichst, ist das, was Dein Unternehmen wirklich voranbringt. Das Entlasten, das Weiterentwickeln, die Vision. Die Arbeit, für die es Dich als Chef eigentlich braucht.

Schneller abarbeiten hilft da nicht. Im Gegenteil.

Je schneller Du das Dringende wegschaffst, desto mehr Neues rutscht nach. Und das Wichtige, das den Stapel überhaupt kleiner machen würde, kommt trotzdem nie dran. Du drehst das Rad nur schneller, Du kommst nicht raus.

Bis Du irgendwann an dem Punkt bist, an dem Du Deinen Papierkorb nicht mehr leeren kannst.

02

Rettet Dich die KI da raus?

Jetzt kommt die KI ins Spiel und verspricht Dir, genau dieses Grundrauschen abzunehmen. Und tatsächlich kann sie das.

Die Frage ist nur, ob am Ende wirklich weniger Arbeit für Dich übrig bleibt.

Du hast ja vermutlich schon mal von Game of Thrones gehört. Die Serie beruht auf den Büchern von George R. R. Martin, der seit den Neunzigern an seiner Saga schreibt, Band für Band, über Jahre. Tatsächlich ist er bis heute noch nicht fertig.

Die Serie wurde aber so beliebt, dass die Macher nicht länger auf ihn warten wollten. Ab der sechsten Staffel war seine Vorlage aufgebraucht.

Also haben sie ohne fertiges Buch weitergemacht. Kein ausgearbeitetes Ende, keine klare Richtung des Autors, nur Zeitdruck und die eigene Fantasie.

Herausgekommen ist die letzte Staffel, über die sich bis heute die ganze Game-of-Thrones-Community aufregt, die unbeliebteste von allen.

Ein überforderter Gründer am Schreibtisch, ein Drucker spuckt einen riesigen Stapel fast gleicher Seiten aus

Ein ähnliches Ergebnis wie diese letzte Staffel bekommst Du, wenn Du einer KI einfach sagst „mach mal”. Hast Du die Vision nicht klar im Kopf, bekommst Du eine billige Kopie.

Die Maschine denkt sich Deine Richtung nicht aus. Sie füllt die Lücke einfach mit dem Naheliegendsten.

Und diese billige Kopie nimmt Dir keine Arbeit ab. Sie macht Dir mehr Arbeit.

Du liest alles gegen, Du besserst nach, Du erklärst nochmal. Und am Ende fließt doch wieder Dein ganzer Kopf hinein, damit etwas Brauchbares dabei herauskommt.

Du wolltest den kurzen Brief und hast den langen bekommen. Es gibt diesen schönen Satz: „Ich hätte Dir einen kürzeren Brief geschrieben, aber ich hatte nicht die Zeit dazu.”

Es ist nämlich viel schwieriger geworden, eine Sache klar auf den Punkt zu bringen. Denn dafür musst Du vorher wissen, was der Punkt überhaupt ist.

Das gilt nicht nur für die KI. Gib zum Beispiel einem Mitarbeiter eine schwammige Aufgabe und Du bekommst ein schwammiges Ergebnis. Nicht weil er es nicht konnte, aber er musste halt raten, was Du gemeint hast.

Die KI nimmt Dir also nicht das Denken ab. Sie verstärkt nur, was Du reingibst.

Gibst Du ihr eine klare Vorlage, wird sie schneller und besser, als Du es je warst. Gibst Du ihr nur ein „mach mal”, wird es Deine ganz eigene schlechte Staffel.

03

Wie Du wieder Platz schaffst

Wie kommst Du da raus, wenn der Papierkorb so voll ist, dass Du nicht einmal löschen kannst?

Spoiler: Nicht mit einem guten Vorsatz für morgen. Morgen ist vermutlich genauso voll wie heute.

Der einzige Weg ist, Dir bewusst einen Termin zu blocken. Und zwar einen, den Du dann wirklich schützt.

Ehrlich, jeder Tag wird eng sein. Jeder Tag kann vom Tagesgeschäft zerrieben werden. Genau deshalb such Dir diesen Termin mit Bedacht aus und behandle ihn danach als heilig.

Einen, den Du mit niemandem tauschst und den Du nicht verschiebst, egal was dazwischenkommt. Tust Du das nicht, kannst Du ihn Dir gleich sparen.

Wie lang? Blocke Dir 90 Minuten. Lang genug, um wirklich runterzukommen. Kurz genug, dass Du sie Dir auch tatsächlich nimmst.

Und setz ihn als einzelnen Termin, nicht als wöchentliche Routine. Eine feste Serie ist erfahrungsgemäß das Erste, was gekippt wird, sobald es stressig wird. Denn sie steht ja nächste Woche wieder da.

Und was machst Du in diesen 90 Minuten? Du trittst einen Schritt zurück und schaust von oben auf Deinen Betrieb, so wie ihn ein Fremder von außen sehen würde. Nicht die nächste Aufgabe. Das große Ganze.

  1. Ausmisten. Schreib ehrlich auf, wo Deine Zeit wirklich hingeht und was Dich immer wieder nervt. Jeder Handgriff zum zehnten Mal, jede Frage, die Dir zum zehnten Mal gestellt wird. Das ist Dein ungeschönter Blick in den vollen Papierkorb.
  2. Aussortieren. Geh die Liste Punkt für Punkt durch. Bei jedem dieselbe Frage: Muss das wirklich von mir kommen? Alles, was nur Grundrauschen ist, markierst Du zum Abgeben. Was Deine Richtung ausmacht, behältst Du.
  3. Vorlage schreiben. Für die ein, zwei Dinge, die Du abgibst, hältst Du sauber fest, wie das fertige Ergebnis aussehen soll. Was soll rauskommen, woran erkennst Du, dass es gut ist und was darf auf keinen Fall passieren. Und genau so klar gibst Du es dann weiter. Ein „mach mal” reicht eben nicht.

Kriegst Du den Kopf im Büro nicht frei, dann wechsel den Ort. Ein Tapetenwechsel macht bekanntlich einen anderen Kopf.

Fahr also raus, setz Dich woanders hin, mach diese drei Schritte dort, wo Dich niemand alle fünf Minuten aus dem Denken reißt. Und kommst Du allein nicht raus, hol Dir jemanden dazu, der von außen sieht, was Dir im Strudel entgeht.

Patrick Lenz arbeitet draußen, weg vom Schreibtisch, mit Blick nach vorne

Denk dabei daran. Du musst nicht gleich die ganze Straße auf einmal kehren. Kehr erstmal den nächsten Meter.

Und fang heute damit an, nicht irgendwann. Der beste Zeitpunkt dafür wäre vor vier Wochen gewesen. Der zweitbeste ist jetzt.

Und ja, das gilt für uns alle, mich eingeschlossen. Ich habe mir unter anderem deshalb den Camper zugelegt. Damit ich immer wieder rauskomme und mal an meinem Unternehmen arbeite, statt nur gefangen darin zu sein.

Erst wenn Du diesen Platz und diese klare Vorlage hast, gibst Du ab. Und Du behältst den Teil, für den es Dich wirklich braucht. Den Anfang und das Ende.

Die ersten zehn Prozent, in denen Du die Richtung vorgibst. Und die letzten zehn, in denen Du prüfst und absegnest. Die achtzig Prozent dazwischen, das reine Umsetzen, überlässt Du der Maschine.

Denn kein zusätzlicher Speicher, kein neues Programm und keine noch so gute KI schafft Dir diesen Platz. Löschen musst Du selbst.

Das war der Shortcut für diese Woche

Der volle Papierkorb ist kein Speicherproblem. Er ist ein Kopfproblem.

Blocke Dir die 90 Minuten, in denen Du ausmistest, aussortierst und Deine Vorlage schreibst. Dann hast Du wieder Platz. Für die Ideen, die endlich reifen dürfen. Und für die Richtung, die sowieso nur von Dir kommen kann.

Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team

Aber ein Hinweis: Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach. Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht. Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich unten ein.

Was frisst Deine 90 Minuten?

Nimm die zwei, drei Handgriffe, die immer wieder bei Dir landen, obwohl sie gar nicht von Dir kommen müssten. Wir schauen gemeinsam, welche davon sich abgeben lassen und wie die Vorlage aussehen muss, damit am Ende nicht die billige Kopie herauskommt. Dann bleibt Dir der Teil, für den es Dich wirklich braucht.

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