Für wen tanzt Du eigentlich?

The Shortcut

Let me entertain you!

Du bist freiwillig auf die Bühne gegangen. Nur tanzt Du heute vor dem falschen Publikum.

Die Idee zu dieser Ausgabe kommt von einem Campingplatz auf Fehmarn, der Ostseeinsel in Schleswig-Holstein. Als wir vor ein paar Wochen dort waren, gab es jeden Abend ein anderes Programm. An einem Abend wurde ein Film auf einer Leinwand gezeigt.

Ich bin mittendrin dazugekommen und sehe einen Schimpansen. Ich denke erst, oh, Planet der Affen? Dann fängt der Schimpanse an, Take-That-Lieder zu singen. Und irgendwie sieht er Robbie Williams verdächtig ähnlich.

Dann hab ich verstanden, dass es Robbie Williams sein soll. Der Film heißt „Better Man” und erzählt sein Leben. Robbie ist darin durchgehend ein Schimpanse. Denn er sagt selbst, dass er sich in seiner Karriere buchstäblich als einen performenden Affen gesehen hat. Hier ist der Trailer, falls Du den Film nicht kennst.

Trailer zu Better Man, die Robbie Williams Story

Robbie Williams ist Showman durch und durch, er wollte unterhalten. Und trotzdem kam irgendwann das Gefühl, nur noch das Zirkusäffchen zu sein, das für andere tanzt.

Ich musste da diese Woche wieder dran denken, weil ich ein Interview gehört habe, über die Frage, was in Zukunft noch Perspektive hat. Dabei blieb diese Antwort übrig: Wir wollen alle unterhalten werden.

Dann ist mir aufgefallen, wie viel wir Unternehmer mit Robbie gemeinsam haben. Du bist auch irgendwann freiwillig auf die Bühne gegangen. Du wolltest Dein Ding machen und Deine Kunden begeistern. Nur hat das Publikum inzwischen gewechselt. Heute tanzt Du zu oft für Formulare, Prüfer und Checkboxen.

Und jede Stunde vor diesem ungewünschten Publikum fehlt Dir vor dem Publikum, das Dich bezahlt und für das Du angetreten bist.

Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.

Unsere heutigen Themen

  1. Das neue Publikum
  2. Wenn Entertainer nicht mehr entertainen
  3. Zurück vor das richtige Publikum

01

Das neue Publikum

Wer ist dieses neue Publikum, welches ich oben meine? Es klatscht nicht und es kauft nichts. Trotzdem steckt es in jedem Vertrag, in jeder Prüfung und in jedem Formular. Und gefühlt wird es jedes Jahr größer.

Noch eine AGB UND noch eine Checkbox UND bitte bis ganz unten scrollen UND hast Du das auch wirklich gelesen? Noch ein Vertrag, noch eine Prüfung, noch eine Revision…

Selbst bei Spotify stimmst Du erst jeder Menge Klauseln zu, bevor Du den ersten Song hören darfst. Dabei wollen wir doch alle nur entertained werden. Manchmal frage ich mich: Machen wir damit irgendwen reich außer Anwälten?

Kennst Du den Passierschein A38? Im Zeichentrickfilm „Asterix erobert Rom” von 1976 müssen Asterix und Obelix im „Haus, das Verrückte macht” einen Passierschein besorgen. Sie werden von Schalter zu Schalter geschickt und keiner ist zuständig. Falls Du die Szene nicht kennst, klick hier – so fühlt sich Bürokratie teilweise an.

Ich lebe diese Szene gerade selbst. Meine neue GmbH Erwins Enkel, von der ich Dir vor ein paar Wochen erzählt habe, steht nach Monaten endlich im Handelsregister. Und trotzdem haben wir immer noch keine Steuernummer und keine Umsatzsteuer-ID. Dafür musste ich gefühlt 35 Mal meine Adresse angeben, meine Ausweisnummer und meine Unterhosengröße. Ich bin mir ziemlich sicher, irgendwo stand auch das Pflichtfeld „Nennen Sie eine Ihrem Charakter entsprechende Salatsorte”.

Okay, Ironie wieder aus. Aber Du weißt genau, was ich meine oder?

Patrick als Comicfigur am Amtsschalter mit dem Passierschein A38

Doch zum Lachen ist das nur, bis Du auf die Kosten schaust. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat Anfang 2025 über 9.000 Betriebe zu ihrer Bürokratie befragt. 2022 fanden 4 % ihre Belastung sehr hoch, 2025 waren es schon 14 %.

Und viele Betriebe stellen inzwischen extra Leute ein, nur für Vorgaben und Dokumentation. Bei den mittelgroßen Betrieben ist es fast jeder dritte, bei den kleinen jeder sechste. Selbst von den ganz kleinen Betrieben mit weniger als zehn Leuten macht das jeder vierzehnte. Zusammen sind das 325.000 Menschen in drei Jahren.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine gute Nachricht, mehr Menschen haben Arbeit. Nur entstehen diese Stellen für Vorgaben und für keinen einzigen Kunden und keine Wertschöpfung.

Und laut IAB ist das nur ein Teil der Rechnung. 80 % der Betriebe klagen über höhere Kosten, 55 % über weniger Produktivität. Die Bürokratie kostet also doppelt, an der Kasse und an der Arbeitszeit.

Von unseren Kunden habe ich dazu schon öfter denselben Satz gehört. „Eigentlich müssten wir nochmal so viele Leute einstellen, wie wir haben.“ Leute, die den Verwaltungskram übernehmen, damit die anderen wieder ihren eigentlichen Job machen können. Und dann kommt der Nachsatz. „Die kann aber keiner bezahlen.”

Und was mich am meisten ärgert, ist, wie uns das verkauft wird. Es heißt immer nur „Du musst, Du musst, Du musst”. Und nie „Das hast Du davon”.

Dabei steckt in vielen dieser Pflichten ein Kern, der Dir selbst nützt. Die meistgenannte Last ist laut IAB übrigens der Datenschutz, zwei Drittel der Betriebe nennen ihn. Also fangen wir da an.

Wenn Du den Kern einer Pflicht kennst, integrierst Du sie einmal so in Dein Unternehmen, dass sie Dir etwas nützt. Wenn nicht, produzierst Du jedes Jahr nur neues Papier für den Prüfer.

So kannst Du die Pflichten übersetzen:

Pflicht übersetzt

Datenschutz (DSGVO)

Du musst ein Verzeichnis aller Datenverarbeitungen führen.

Das hast Du davon: Du weißt, wo Deine Kundendaten liegen, bevor ein Kunde Auskunft verlangt oder ein Angreifer sie findet.

NIS2, wenn Dein Betrieb darunter fällt

Du musst Cybersicherheit zur Chefsache machen, Risiken managen, Dich schulen lassen.

Das hast Du davon: Du weißt vorher, wie Dein Betrieb nach einem Angriff weiterläuft.

E-Rechnung

Du musst sie empfangen können, ab 2027 auch ausstellen.

Das hast Du davon: Keiner tippt mehr Rechnungen ab, die Zahlen landen direkt in Deiner Buchhaltung.

Und noch ein Vorteil kommt dazu. Wer seine Pflichten sauber umsetzt, weiß, wie die Dinge bei ihm wirklich getan werden. Und was Du kennst, kannst Du optimieren, mit Automatismen oder mit KI. Dann heißt es nicht mehr „Das haben wir schon immer so gemacht”. Dann setzt Du Dich bewusst damit auseinander.

Nimm Dir also die Pflicht, die als nächste bei Dir ansteht. Schreib ihren „Das hast Du davon”-Satz ganz oben auf die Aufgabenliste, noch vor den ersten Nachweis. Dann weiß jeder in Deinem Team, wofür er das eigentlich macht.

02

Wenn Entertainer nicht mehr entertainen

Robbie Williams hat das Unterhalten geliebt und sich trotzdem wie der Affe gefühlt. Dasselbe kann einem ganzen Betrieb passieren. Sogar einem, dessen Job die Unterhaltung ist.

Stell Dir eine Eventagentur vor. Ihr Geschäft sind Veranstaltungen, Präsentationen, Sprecher, Moderatoren und irgendwelche „Pausenclowns”.

Und jetzt stell Dir vor, diese Agentur plant kaum noch Events. Ein Teil des Teams tippt dieselben Angaben in mehrere Programme und gleicht den ganzen Tag Zahlen ab. Irgendwann sagt jemand im Flur: „Wir sind doch eine Eventagentur und keine Buchhaltung.”

Schimpanse im Anzug am Schreibtisch zwischen Formularstapeln

Ist das noch Kundenservice und Wertschöpfung oder schon kaufmännisches Harakiri? Genervt von dem Ganzen ist meist das Team selbst.

Woher ich das weiß? Als IT-Dienstleister sitzen wir regelmäßig in Quartalsgesprächen mit unseren Kunden und seit Kurzem machen wir mit ihnen auch KI-Bestandsaufnahmen. Dabei schauen wir uns an, wie im Betrieb wirklich gearbeitet wird. Und ich sehe immer wieder dieselben Stellen, die für Unzufriedenheit oder Probleme sorgen. Es ist immer wieder der Vertrieb, das Marketing, die Rechnungsstellung und das Thema Finanzen. Und überall da, wo Laufzeiten einfach ewig sind, also wo Vorgänge tagelang liegen, bevor es weitergeht.

Von innen sieht das kaum einer. Keiner hat aufgeschrieben, wie wirklich gearbeitet wird. Und wer es merkt, sagt es ungern, denn keiner will einem Kollegen auf den Fuß treten. In unseren Bestandsaufnahmen muss ich das fast aus den Leuten rausprügeln. Traurig, aber wahr.

Du musst aber gar nicht fragen, um die Stelle zu finden. Die Laufzeit verrät sie Dir. Und die Daten dafür hast Du längst.

Nimm den letzten Auftrag, der bei Dir fertig abgerechnet ist. Schreib zu jedem Schritt das Datum untereinander. Das ist Deine Laufzeit-Spur. In einem Betrieb, der mit Angeboten arbeitet, sieht sie so aus:

  • Wann kam die Anfrage rein?
  • Wann ging das Angebot raus?
  • Wann kam die Auftragsbestätigung?
  • Und wann ging die Rechnung raus?

Bei Dir kann der Weg anders aussehen, beim Bäcker etwa von der Großbestellung bis zur Auslieferung oder beim IT-Dienstleister vom Ticket bis zur Lösung. Dann nimmst Du einfach Deine Schritte.

Zwischen welchen zwei Daten die meisten Tage liegen, da sitzt Deine erste Stelle. Keiner muss dafür zugeben, dass etwas schlecht läuft. Und Du weißt trotzdem, wo Du hinschauen musst.

03

Zurück vor das richtige Publikum

Robbies Publikum sind seine Fans. Deins sind Deine Kunden. Und da willst Du mit Deinem Team wieder hin.

Schimpanse im Anzug auf großer Bühne vor jubelndem Publikum

Dafür musst Du schauen, wie Du mit derselben Mannschaft mehr machen kannst. Ein Hebel ist die Doppelarbeit, also alles, was bei Dir zweimal gemacht wird. Und die gute Nachricht ist, dass Du sie abstellen kannst.

Das größte Hindernis dabei ist die Angst im Team. „Wenn die KI zu gut wird, dann habe ich morgen keinen Job mehr.“ Diesen Satz habe ich in letzter Zeit öfter gehört und ich sage offen, er ist definitiv nicht ganz unbegründet.

Wie das aussieht, zeigt Tesla, mit einem Beispiel, das Du schon aus dem letzten Shortcut kennst. Tesla baut den Roboter Optimus, der eines Tages Handgriffe in der Fabrik übernehmen soll. Damit er die Schritte lernt, arbeiteten Fabrikarbeiter in speziellen Anzügen, die jede ihrer Bewegungen aufzeichneten.

Laut Ars Technica haben sich deswegen einige Mitarbeiter beschwert, weil sie wussten, dass die Roboter sie irgendwann ersetzen sollen. Sie wollten ihre eigenen Nachfolger nicht anlernen.

Schlagzeile bei arstechnica.com · zum Artikel

Schlagzeile bei Ars Technica: Tesla workers balk at training Optimus humanoid robots as replacements

Wer glaubt, dass er sich gerade selbst abschafft, hilft nicht mit. Dann bleibt die Doppelarbeit genau da, wo sie ist.

Bei Tesla sahen die Leute im Roboter ihren Nachfolger. Bei Dir soll das Team seine eigentliche Wunscharbeit sehen und zurückbekommen, also die Arbeit, für die Ihr angetreten seid. Wenn Dein Team das weiß, macht es mit.

So gehst Du mit Deiner Laufzeit-Spur aus Teil 2 weiter vor:

  1. Nimm Dir die größte Lücke vor. Angenommen, zwischen Auftragsbestätigung und Rechnung liegen bei Dir zwölf Tage. Dann schaust Du Dir nur das Schreiben der Rechnung an.
  2. Schau zu, wie der Schritt heute läuft. Setz Dich beim nächsten Auftrag eine Stunde neben die Person, die bei Dir die Rechnung schreibt. Wie oft tippt sie etwas ab, das schon in einem anderen Programm steht? Die Stunden aus der Zeiterfassung, die Adresse aus der Kundendatei, den Preis aus dem Angebot. Jede dieser Stellen lässt sich verbinden oder automatisieren. Das ist Deine Liste.
  3. Sag Deinem Team, was sich ändert, bevor sich etwas ändert. Welche Aufgaben werden weniger? Worauf konzentriert sich jeder danach? Muss deswegen jemand gehen? Wenn nicht, sag es laut. Und sag, dass die gewonnene Zeit in mehr Wert für Eure Kunden geht.

Das war der Shortcut für diese Woche

„Let me entertain you” singt Robbie für sein Publikum.

Sorg dafür, dass Du und Dein Team das wieder für Eure Kunden singen könnt.

Und nicht mehr für „das Haus, das Verrückte macht”.

Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team

Aber ein Hinweis: Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach. Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht. Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich unten ein.

Für wen tanzt Dein Team gerade?

In unserer KI-Bestandsaufnahme gehen wir genau diesen Weg mit Dir. Wir schauen, wo bei Dir Arbeit liegen bleibt, gehen die Abläufe mit Deinen Leuten durch und verbinden, was doppelt läuft. Natürlich datenschutzkonform. Die meisten, mit denen ich spreche, wissen vorher gar nicht, ob und wo es bei ihnen überhaupt hakt. Das zeigt sich erst im Gespräch.

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