Gut gemeint, mies gemacht

The Shortcut

Gut gemeint, mies gemacht: Wenn Schutz nur noch nervt.

Wir werfen immer neue Technik auf ein sehr menschliches Problem. Und wundern uns, dass sie es nicht löst.

Meine Tochter wurde 21. Also habe ich für eine kleine Hommage 21 Jahre zurückgeblättert, ins Jahr 2005.

Damals hatte niemand ein Smartphone in der Tasche, das erste iPhone kam erst zwei Jahre später. Es gab kein Google Maps, kein Spotify, kein Netflix.

In nur 21 Jahren haben wir uns allen einen kleinen Spielautomaten in die Hand gedrückt. Einen, der rund um die Uhr an unserer Aufmerksamkeit zieht. Bis hinters Steuer im Auto.

Ich schaue beim Fahren oft in die Autos neben mir. Viele gucken kaum noch auf die Straße. Und selten ist es etwas Wichtiges, was die Leute tun müssen. Sie scrollen auf Social Media oder müssen sich unbedingt das nächste Lied raussuchen.

Das geht so weit, dass, wenn ich heute im Auto bremsen muss, ich immer zuerst in den Rückspiegel schaue. Aus Angst, dass mir einer hinten reinfährt, weil er auf seinem Handy tippt.

Am Steuer sind die Risiken am höchsten, weil dort ein Leben dranhängt. Aber psychologisch ist es nichts anderes als das, was in Deinem Betrieb dafür sorgt, dass die teure neue Software liegen bleibt und der alte Umweg gewinnt.

Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.

Unsere heutigen Themen:

  1. Das Problem ist echt und menschlich
  2. Gut gemeint, mies gemacht
  3. Der einzige Hebel bist Du

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Das Problem ist echt und menschlich

Ablenkung am Steuer ist keine Kleinigkeit.

2024 gab es in Deutschland 8.722 Unfälle mit Personenschaden durch Ablenkung, in über 1.000 Fällen war nachweislich ein Handy im Spiel. Die Dunkelziffer liegt vermutlich wesentlich höher, denn wer gibt schon zu, dass er am Handy gewesen ist.

Dazu kommt, dass moderne Technik im Auto das Unfallrisiko um rund die Hälfte erhöht. Außerdem ist der Anteil derer, die während der Fahrt tippen, von 15 auf 24 Prozent gestiegen. Wer aufs Display schaut, reagiert laut Untersuchungen so verzögert wie unter Alkohol.

Warum lassen wir uns aber ablenken, obwohl wir es besser wissen?

Weil wir den nächsten Reiz suchen. Langeweile hält kaum noch jemand aus, nicht mal die stille Minute hinterm Steuer. Dann schlägt der pawlowsche Reflex zu und wir greifen zum Handy. Ganz automatisch, zutiefst menschlich.

Patrick Lenz am Steuer

Und dieselbe Kraft sitzt in Deinem Betrieb. Wenn schon die Angst vor einem Unfall den Griff zum Handy nicht stoppt, dann stoppt im Büro auch keine noch so gute Software die alte, bequeme Gewohnheit.

Der Fahrer greift zum Handy, weil das im Moment leichter und reizvoller ist als die leere Straße. Und Dein Vertrieb pflegt seine Kunden weiter in der alten Excel-Liste, obwohl daneben das teure neue CRM steht, weil Excel im Moment leichter ist als umzulernen. Beide wählen den bequemeren Weg. So tickt der Mensch.

Natürlich gibt es auch schlechte Tools. Und Du solltest immer das beste Werkzeug für Deinen Fall wählen. Aber selbst das beste Tool bringt nichts, wenn es dem, der damit arbeitet, nicht schmeckt.

Wer ein menschliches Problem mit Technik erschlagen will, kauft am Ende teure Software, die im Regal verstaubt.

Der Kern

Gegen Bequemlichkeit kommst Du nicht mit Ermahnungen an. Der beste Hebel ist, die richtige Lösung von vornherein zur einfachsten zu machen. Und ganz ehrlich, selbst das gewinnt nicht immer gegen die Gewohnheit.

02

Gut gemeint, mies gemacht

Das Verrückte ist: Wir haben angefangen, gegen dieses Problem anzukämpfen. Nur leider so, dass man es kaum glauben mag.

Seit dem 7. Juli 2026 muss jeder neu zugelassene Wagen in der EU eine Kamera an Bord haben, die den Fahrer beobachtet. Schaust Du zu lange weg, warnt sie Dich. Dauerhaft abschalten kannst Du sie nicht, nur für die einzelne Fahrt stummstellen, beim nächsten Start läuft sie wieder. Sie speichert dabei laut Gesetz nichts, sie warnt nur in Echtzeit.

Es gab keinen Bericht in der Tagesschau, keine Debatte. Auf einmal ist es Gesetz.

Und in der Praxis berichten Tester, dass sie schon anschlägt, wenn Du kurz auf ein Schild am Straßenrand schaust. Der echte Handy-Hänger dagegen stellt sie einmal stumm und wischt weiter.

Und da ist er, der eigentliche Punkt: Wir finden immer einen Weg, die Kontrolle zu umgehen und weiterzumachen wie bisher. Die Kamera nervt den Vorsichtigen und verfehlt genau den, um den es geht.

Denselben Fehler baust Du im eigenen Laden. Die Freigabe-Schleife, durch die der Gewissenhafte dreimal klickt, während der eine Schludrige sie ohnehin umgeht.

Noch ärgerlicher wird es, wenn die Technik so nervt, dass man sie einfach abschaltet. Der Spurhalte-Assistent in meinem Wagen erkennt nicht, ob meine Hände am Lenkrad liegen. Er erkennt nur, ob ich das Lenkrad bewege. Fahre ich auf der Autobahn ruhig geradeaus, denkt er, ich hätte losgelassen. Also mahnt er mich, das Lenkrad anzufassen. Nach der zehnten Ermahnung schalte ich den ganzen Assistenten ab und halte die Spur wieder allein. Gut gemeint. Und trotzdem sorgt die Technik dafür, dass am Ende gar nichts mehr hilft.

Genau das passiert mit der Sicherheitsregel, die morgens dreimal einen Code abfragt, bis Deine besten Leute die Codes auf Zettel am Monitor kleben. Was ständig stört, wird ausgehebelt. Und was ausgehebelt ist, schützt niemanden mehr.

Genervte Person vor einem Bildschirm voller Pop-up-Meldungen

Und dann ist da der größte Reflex von allen: mehr kontrollieren. Noch eine Kamera, noch ein Tool, das mitliest. Nur löst Überwachung das eigentliche Problem nicht. Sie behandelt ein Symptom und erntet dafür Misstrauen.

Letzte Woche ging es darum, wo Deine eigenen Daten liegen. Hier zählt die andere Seite: Wenn ein Tool Daten sammelt, solltest Du wissen welche. Und Deine Leute auch. Kontrolle im Verborgenen kostet Dich mehr Vertrauen als sie je einbringt.

Jede dieser Maßnahmen wollte etwas Gutes. Und jede trifft die Falschen, verfehlt die Richtigen oder löst das Problem gar nicht. Wie Du das bei Deiner eigenen Technik vermeidest, dazu kommen wir jetzt.

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Der einzige Hebel bist Du

Keine Kamera und kein Gesetz löst das für Dich. Der Hebel bist Du, jedes Mal, wenn Du selbst eine Technik oder eine Regel einführst. Und dafür gibt es ein Vorgehen, das den teuren Fehlkauf verhindert.

Fang bei den Menschen an, die damit arbeiten sollen. Erst danach bei der Software. Frag sie, wo sie heute Zeit verlieren und wo sie sich längst einen eigenen Umweg gebaut haben. Dieser Umweg zeigt Dir das echte Problem, genauer als jede Anforderungsliste.

Dann kläre, ob das Problem technisch oder menschlich ist. Haben die Leute ein Werkzeug, meiden es aber, liegt es fast immer an der Bedienung oder an der Gewohnheit. Können sie eine Aufgabe gar nicht erledigen, fehlt tatsächlich Technik. Zwei verschiedene Probleme, zwei verschiedene Lösungen.

Erst dann wählst Du das Werkzeug. Und zwar das, das Deine Leute annehmen, nicht das mit der längsten Funktionsliste. Teste es vorher mit den Leuten, die es täglich nutzen sollen. Was im Pilot hakt, hakt später zehnfach.

Und mach die richtige Lösung zur bequemsten. Denn gegen die Bequemlichkeit gewinnst Du nie mit Ermahnungen, im Auto nicht und im Betrieb nicht.

Und wenn ein Tool Daten sammelt oder Leistung misst: Nutze das, um Deinen Leuten zu helfen, besser zu werden, nicht nur, um sie zu erwischen. Sag offen, was erfasst wird. Kontrolle im Verborgenen zerstört das Vertrauen, das gute Arbeit erst möglich macht.

Patrick Lenz schaut in die Kamera und hält ein Handy in der Hand

Vier Fragen an jede neue Technik und jede neue Regel

  1. Was ist das echte Problem, technisch oder menschlich?
  2. Erreicht die Maßnahme die Richtigen oder nur die, die ohnehin alles richtig machen?
  3. Nervt sie die Gewissenhaften so sehr, dass sie die Lust verlieren oder Umwege bauen?
  4. Welche Daten sammelt sie? Und wissen die Betroffenen davon?

Diese Fragen kosten Dich zehn Minuten. Sie ersparen Dir eine Software, die am Ende keiner nutzt. Und jede Menge Frust obendrauf.

Das war der Shortcut für diese Woche!

Die Technik hat sich in einer Generation gedreht. Die Verantwortung nicht. Erinnerst Du Dich an die 21 Jahre vom Anfang? Sie liegt heute wie 2005 bei dem, der die Entscheidung trifft. In Deinem Betrieb bist Du das.

Ob Technik hilft oder nur nervt, entscheidet nicht das nächste Gesetz. Das entscheidest Du, mit jeder Einführung.

Dabei, die richtige Technik so einzuführen, dass Deine Leute sie wirklich nutzen, helfen wir Dir gern. Datenschutzkonform. Und so, dass immer klar ist, welche Daten anfallen und wer sie sieht.

Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team

Aber ein Hinweis: Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach. Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht. Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich unten ein.

Welche Regel nervt bei Dir mehr, als sie schützt?

Nimm das eine Tool oder die eine Regel, die in Deinem Betrieb mehr stört als hilft. Wir schauen uns gemeinsam an, ob dahinter ein technisches oder ein menschliches Problem steckt, und wie Du es so löst, dass Deine Leute am Ende mitmachen statt Umwege zu bauen.

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