Immer mehr gucken nach China
The ShortcutWem gehören die Werkzeuge, mit denen Du arbeitest?
Ich hatte letztens ein Problem mit Claude und bin deshalb auf der Statusseite gelandet, wo der Anbieter meldet, welche Dienste gerade laufen und wo es Störungen gibt.
Was mir da auffiel, ließ mich nicht mehr los. Jedes normale System hat mal ein gelbes, mal ein rotes Lämpchen, also Störungen. Mal ein kompletter Ausfall, mal einfach mehr Fehler als sonst.
Nur mittendrin gab es eine Zeile, die ruhig und dauerhaft grün leuchtete: Claude for Government, 99,99 Prozent.

Claude hat immer mal wieder leichte Probleme. Aber diese eine Zeile läuft. Und es ist keine geringere als die der US-Regierung.
Da wurde mir wieder klar, wie sehr wir alle von der Weltpolitik abhängen.
Was das für Deinen Betrieb heißt, schauen wir uns heute Schritt für Schritt an.
Das beste KI-Modell nützt Dir nichts, wenn ein anderer bestimmt, wann Du es benutzen darfst.
Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.
Unsere heutigen Themen:
- Die besten Werkzeuge werden rationiert
- Warum viele in China fündig werden
- Wie es auch laufen könnte
1. Die besten Werkzeuge werden rationiert
Fangen wir damit an, warum das kein fernes Politikthema ist. Es ist Dein Alltag. Die besten KI-Modelle bekommst Du nicht einfach, weil Du zahlst. Zahlen ist nur die Eintrittskarte. Der Zugang wird vergeben.
Das läuft so: Ein neues Spitzenmodell kommt raus. Und erst einmal kommt kaum jemand ran. Zuerst Behörden und Großkunden, dann eine Warteliste, dann irgendwann der Rest. Es gibt Modelle, die darfst Du heute schlicht noch nicht nutzen, egal wie gern Du zahlen würdest.
Und selbst wenn Du drankommst, entscheidet Dein Budget mit. Die stärksten Modelle werden meist pro Nutzung bezahlt. Bei größerem Einsatz wird das schnell teuer. Wer das nicht stemmen kann, kommt nicht an die Konkurrenz heran.

Dazu kommt eine zweite Sache, die viele unterschätzen. Ein US-Anbieter muss den US-Behörden auf Anordnung Zugriff auf Deine Daten geben. Auch dann, wenn der Server zum Beispiel in Frankfurt steht.
Das heißt nicht, dass ständig jemand mitliest. Es heißt nur: Was bei diesem Anbieter liegt, kann im Ernstfall herausgegeben werden, ohne dass Du gefragt wirst. Was gar nicht erst dort liegt, bekommt auch niemand.
Der Merksatz
Mach Deine Arbeit nicht von einem einzigen Werkzeug abhängig, dessen Verfügbarkeit ein anderer steuert. Halte Dir immer eine Alternative offen.
2. Warum viele in China fündig werden
Kein Wunder, dass viele nach einer Alternative suchen. Der erste Blick geht nach Europa. Und da hat die EU im Juni tatsächlich etwas Nützliches getan.
Zum ersten Mal hat sie klar definiert, was „unsere Daten bleiben sicher“ überhaupt heißen soll. Die Regel heißt Cloud and AI Development Act. Sie sortiert Anbieter in vier Stufen.
Ganz unten reicht es, dass die Daten in einem EU-Rechenzentrum liegen. Ganz oben muss der Anbieter komplett in europäischer Hand sein, ohne dass ein fremder Staat zugreifen kann. Für Dich ist das kein Bürokratie-Kram. Es ist eine Einkaufshilfe: Du kannst endlich fragen, welche Stufe ein Anbieter erfüllt, statt dem Marketing zu glauben.
Der Haken kommt sofort. Die oberen Stufen erreicht ein US-Anbieter nie, wegen genau dem Gesetz von eben. Selbst ein Rechenzentrum in Frankfurt ändert daran nichts. Die Daten liegen dann zwar in Europa. Trotzdem könnten die US-Behörden sie sich holen.
Dabei könnte Deutschland gut mithalten. Wir haben mit Soofi S ein eigenes, offenes Modell, das ganz oben mitspielen könnte. Die beste Option ist also da. Nur wird es unnötig schwer gemacht, überhaupt an sie heranzukommen. Denn Du darfst Soofi S nicht einfach ausprobieren. Du musst erst Zugang beantragen und begründen, wozu.
Und jetzt die überraschende Bewegung. Ausgerechnet die stärksten Modelle, die Du frei herunterladen und auf Deiner eigenen Hardware betreiben kannst, kommen inzwischen oft aus China. Verlockend, denn wenn das Modell bei Dir läuft, verlässt Dich kein einziger Datensatz.
Der Haken liegt woanders. Was Du herunterlädst, ist ein Satz Zahlen. Und in ihnen steckt die Prägung aus ihrem Training. Welche Daten, welche Filter, welche politischen Maßstäbe, das siehst Du nicht, aber es wirkt in jeder Antwort mit. Bei chinesischen Modellen ist das an Themen wie Taiwan gut dokumentiert. Schwerer zu erkennen sind die Stellen, an denen ein Modell in Deinem Fachgebiet anders urteilt, als Du es erwartest.
Dazu kommt Handwerkliches. Lade die Modelldateien nur aus verifizierten Quellen und im sicheren safetensors-Format, sonst holst Du Dir im schlimmsten Fall ausführbaren Code ins Haus. Und je mehr Werkzeuge und Netzzugang Du dem Modell gibst, desto weniger bleibt es nur ein Rechenschritt bei Dir im Keller.
Fairerweise stellen sich diese Fragen bei einem geschlossenen Anbieter genauso. Nur kannst Du dort nicht einmal nachsehen. Open Weight gibt Dir wenigstens die Möglichkeit zu prüfen. Ob Du sie nutzt, ist Deine Entscheidung.
Der Hebel, den Du wirklich in der Hand hast, ist trotzdem ein anderer. Es zählt vor allem, wo Deine Daten liegen.
Wenn Deine Daten an einem Ort liegen, der nur Dir gehört, dann ist es fast egal, welches Modell Du benutzt, ein amerikanisches, ein europäisches, ein chinesisches oder gar keins. Du entscheidest, was das Haus verlässt. Und Du kannst das Werkzeug jederzeit wechseln, ohne Dein Geschäft neu aufzubauen.
Und der Wechsel ist heute so einfach wie nie. Weil sich fast alle Anbieter an dieselbe Schnittstelle halten, die von OpenAI, sprechen sie technisch die gleiche Sprache. Ein Wechsel bleibt Arbeit, aber kein Kraftakt mehr wie ein Umzug von HubSpot auf Salesforce über Nacht.

Ganz praktisch heißt das zweierlei. Erstens: Bevor überhaupt etwas zu einer KI geht, nimm die Teile raus, die Dich verraten. Echte Namen werden zu Max Mustermann, Sensibles wird geschwärzt, so wie Du einem externen Berater einen geschwärzten Vertrag gibst. Die KI hilft trotzdem, Deine Kronjuwelen bleiben im Haus.
Zweitens: Es gibt ernsthafte europäische Anbieter, von Aleph Alpha bis Mistral, bei denen Deine Daten in Deinem Rechtsraum bleiben.
Welcher davon zu Dir passt, hängt von Deinem Anwendungsfall ab. Kopier nicht einfach eine generelle Empfehlung aus dem Internet. Schau oder lass Dich beraten, was Du wirklich brauchst.
Der Kern
Unabhängig bist Du, wenn Deine Daten Dir gehören und jederzeit für Dich abrufbar sind. Dann kannst Du zu jedem Werkzeug wechseln.
3. Wie es auch laufen könnte
Das klingt nach einem Spiel, das andere über Deinen Kopf hinweg spielen. Zum Schluss ein Blick nach vorn. Zwei Wege sind noch möglich.
Ein paar Forscher haben die nächsten fünfzehn Jahre der KI aufgeschrieben wie ein Drehbuch mit zwei möglichen Enden. Und an welchem Ende wir landen, schreiben wir gerade alle mit.
Im ersten Ende rennen alle. Jeder Konzern, jede Regierung will als Erster die mächtigste KI besitzen. Keiner traut sich zu bremsen, weil Bremsen in diesem Rennen Verlieren heißt.
Sicherheit, Bedenken, Kontrolle, das wird alles überholt. Am Ende hält eine Handvoll Konzerne und Regierungen die mächtigste Technologie der Geschichte. Alle anderen schauen zu.
Und Du nutzt, was sie Dir vorsetzen, zu ihren Bedingungen. Das ist die düstere Fassung. Und im Moment laufen wir genau darauf zu.
Im zweiten Ende, sie nennen es Plan A, bekommt die Welt die Kurve.
2027 wacht die Politik auf und begreift endlich, was auf dem Spiel steht. 2029 setzen sich sogar die großen Rivalen USA und China an einen Tisch.
Danach wird die KI weiter erforscht, aber bewusst langsamer und unter Kontrolle. So bleibt Zeit, die Technik sicher zu machen, statt sie blind auszurollen.

„Pläne sind wertlos, aber das Planen ist alles.“
Auf welches Ende die große Politik zusteuert, entscheidest weder Du noch ich allein. Das ist unbequem. Und genau deshalb solltest Du Deinen Betrieb nicht so bauen, als wäre das gute Ende schon sicher. Wie abhängig Du Dich machst, während der Wettlauf läuft, das hast Du sehr wohl in der Hand.
Immerhin stellen die Forscher hier endlich die richtige Frage: Wie sieht gut überhaupt aus? Und was tun wir dafür? Ganz ohne den üblichen Lobby-Filz.
Und es bewegt sich schon etwas. Aleph Alpha aus Heidelberg tut sich gerade mit dem kanadischen Anbieter Cohere zusammen, um einen ernsthaften Gegenpol zu den US-Riesen aufzubauen. Die Bundesregierung steht ausdrücklich dahinter.
Deine Rolle dabei fängt aber nicht in der Politik an. Sie fängt bei Dir im Betrieb an, mit drei kleinen Schritten diese Woche. Frag bei jedem neuen Tool zuerst, wo Deine Daten landen. Entferne das Sensible, bevor Du etwas an eine KI gibst. Und teste einmal bewusst eine europäische Alternative, statt einfach beim gewohnten Anbieter zu bleiben.
Das war der Shortcut für diese Woche!
Du entscheidest, wo Deine Daten liegen. Du bestimmst nicht, welches Modell als Nächstes knapp wird oder welche Regel als Nächstes kommt. Aber Du bestimmst, wo Deine Daten liegen und wie viel von Deinem Betrieb Du überhaupt aus der Hand gibst.
Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team
Aber ein Hinweis: Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach. Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht. Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich unten ein.
Wie unabhängig ist Dein KI-Einsatz?
Wir schauen uns gemeinsam an, welche Daten Dein Haus überhaupt verlassen müssen und wo sie heute landen. Am Ende weißt Du, was bei Dir bleiben kann und wie Du datenschutzkonform arbeitest, ohne Dich an ein einziges Werkzeug zu binden.
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