Zeitinventur für Unternehmer: Der Quadrant, der zeigt, was gehen muss
Du kannst nicht faul sein, wenn Du nur am Feuerlöschen bist
Letzte Woche habe ich mir ein verlängertes Wochenende im Camper gegönnt. Eigentlich war der Plan, mal komplett abzuschalten und den Kopf leer zu kriegen.
Doch wie das als Unternehmer so ist, kommen immer wieder Gedanken, die einen nicht loslassen. Unter anderem sind mir drei Artikel über den Weg gelaufen, die mich beschäftigt haben.
Sie kommen aus verschiedenen Perspektiven und Ecken und stellen am Ende doch dieselbe Frage.
Der eine handelt davon, wie Du erkennst, ob Du Dich gerade verzettelst. Der zweite stellt drei Eigenschaften vor, die auf den ersten Blick wie Schwächen klingen und in Wahrheit das Gegenteil sind.
Der dritte erinnert daran, dass die wirklich wichtigen Dinge im Geschäft sich nicht beschleunigen lassen, egal wie viel Druck Du machst.
Drei Texte, drei verschiedene Ausgangspunkte und doch dieselbe Frage dahinter: Was hält Dich als Unternehmer gerade eigentlich davon ab, das zu Ende zu bringen, was wirklich wichtig wäre?
Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.
Unsere heutigen Themen
- Anfangen oder streichen, wer steuert hier eigentlich?
- Drei alte Tugenden, neu gelesen
- Du kannst nicht faul sein, wenn Du nur am Feuerlöschen bist
1. Anfangen oder streichen, wer steuert hier eigentlich?
Der erste Artikel kommt aus der Software-Welt und beschreibt zwei Typen von Entwicklern.
Der eine bringt jede neue Idee aus dem Markt ins Team: "Hier, das habe ich gefunden, lass uns das auch ausprobieren."
Der andere streicht alles, was nicht zum eigentlichen Auftrag passt: "Brauchen wir nicht. Lass uns das fertig machen, was wir angefangen haben."
Doch was mir an dem Artikel hängengeblieben ist, war nicht die simple Trennung zwischen "sammelt" und "streicht". Spannend war für mich, wie der zweite Typ überhaupt zu seinen Entscheidungen kommt.
Denn er sagt nicht einfach "brauchen wir nicht" und kippt damit Ideen weg. Er stellt drei Fragen.
Drei Fragen vor jeder neuen Idee
- Brauchen wir das wirklich?
- Was passiert, wenn wir es nicht tun?
- Können wir mit dem auskommen, was wir schon haben?
Wenn Du sie konsequent benutzt, verändert sich Dein Blick auf das, was Du gerade alles auf dem Tisch hast.
Trotzdem erlebe ich täglich das Gegenteil. Es gibt unzählige Geschäftsführer, Vertriebs- oder Marketing-Verantwortliche, die alle vier Wochen ein neues Tool anfangen, einen neuen Funnel, eine neue Kampagne. Ohne das letzte fertig zu haben. Es fühlt sich nach Bewegung an, ist aber nur Sammeln.
KI verschärft das brutal. Ein neues Feature, eine neue Landingpage, ein neuer Workflow ist in einer Stunde gebaut.

Das Bauen kostet nichts mehr. Das Entscheiden schon. Und je weniger das Bauen kostet, desto wichtiger wird die Frage, ob Du überhaupt etwas Neues bauen solltest oder eher das streichen, was Du schon hast.
Je älter Dein Unternehmen, desto schlimmer wird das. Du schleppst Kunden mit, Produkte, Prozesse, Tools, die irgendwann mal Sinn ergeben haben und heute nicht mehr.
Und irgendwann stehst Du vor der blöden Entscheidung: lieber Kunde, lieber Prozess, lieber Service, ich muss Dich loslassen. Das fällt schwer, weil Du in jedes davon mal Zeit und Energie investiert hast.
Nimm es Dir mal als Aufgabe, ehrlich auf Deine letzten vier Wochen zu schauen:
- Wie oft hast Du etwas Neues angefangen?
- Wie oft hast Du etwas bewusst gestrichen?
- Wie oft hast Du etwas final zu Ende gebracht?
Wenn Du aktuell mehr Neues anfängst, als Altes zu beenden oder zu streichen, bist Du gerade nicht am Steuern. Dann bist Du am Sammeln.
2. Drei alte Tugenden, neu gelesen
Wer in den 90ern programmieren wollte und Perl benutzt hat, hatte ein Buch auf dem Schreibtisch: das Camel Book.
Im Glossar der ersten Auflage beschreibt Larry Wall, der Erfinder von Perl, drei Tugenden für gute Entwickler: Faulheit, Ungeduld, Selbstbewusstsein.
Eigentlich als Witz gemeint. Doch er hatte da etwas erwischt, was bis heute von Relevanz ist und sich erstaunlich gut auf unternehmerisches Denken übertragen lässt.
Faulheit
Faulheit heißt bei Wall nicht "keine Lust". Faulheit heißt: "Ich will Dinge nicht zweimal lösen müssen." Es ist Antrieb, kein rumtrödeln.
Das ist genau die Logik hinter unserem Managed Service Provider Geschäft bei top.media: Ich will gar nicht, dass Du mich anrufst. Ich will Dir keinen Grund geben, mich anrufen zu müssen.
Außer Du willst übers Wetter reden oder einen Schwank aus Deiner Jugend erzählen. Unsere Marge wird besser, je besser wir arbeiten und je weniger Probleme Du hast.
Ungeduld
Ungeduld heißt nicht "hektisch". Ungeduld heißt: "Mich nervt, dass diese Routine immer noch von Hand läuft." Das ist der Antrieb, der dafür sorgt, dass jede Woche ein Stück Wiederholungsarbeit verschwindet.
Im SEO-Check Deiner Website. In der Vorqualifizierung der Leads. In der Rechnungsstellung. Überall, wo Du etwas tust, das genauso ein Skript oder ein Agent machen könnte.
Selbstbewusstsein
Und Selbstbewusstsein heißt: Du traust Dir zu, einen starken Wertbeitrag zu liefern. Für Dich selbst, für Dein Team, für Deinen Kunden. "Hör doch bitte auf, X zu machen, lass uns Y machen, Du hast doch echt was Besseres zu tun."

Und jetzt kommt der Haken. Eine KI hat keine dieser Tugenden. Sie baut nicht effizient, sie baut so lange, bis die Wahrscheinlichkeit hinten sagt: "Passt schon."
Sie wird nicht ungeduldig mit Routine, sie macht einfach mehr davon.
Selbstbewusstsein hat sie sowieso nicht, weil sie für ihren Wertbeitrag keine Verantwortung trägt. Wer also Geschmack und Disziplin nicht selbst mitbringt, wird von der Maschine in mehr Arbeit reingetrieben, nicht in weniger.
Bryan Cantrill spricht darüber in seinem Artikel "The peril of laziness lost": Ohne diese Tugenden machen die Maschinen Dinge nicht besser, sondern nur größer.
Und irgendwann, das ist meine Erfahrung, kippen solche Systeme dann unter ihrem eigenen Gewicht.
Frag Dich also bei jedem KI-Output diese Woche: Was füge ich hier hinzu, was die Maschine allein nicht hätte liefern können? Wenn die Antwort "nichts" ist, lieferst Du gerade nur schneller Mittelmaß.
3. Du kannst nicht faul sein, wenn Du nur am Feuerlöschen bist
Bei vielen Geschäftsführern, mit denen ich rede, höre ich dasselbe: "Eigentlich" wüssten sie ganz genau, was zu tun wäre.
"Eigentlich" gehört dieser eine Kunde rausgeschmissen. "Eigentlich" müsste diese Routine längst automatisiert sein. "Eigentlich" gehörte das eigene Geschäftsmodell mal wieder auf den Prüfstand.
Doch dann klingelt das Telefon, brennt das nächste Feuer, ist der Tag rum. Und am Ende der Woche steht in der Bilanz dasselbe wie vor vier Wochen, nur mit weniger Energie.
Die drei Tugenden, die wir oben runtergebrochen haben, funktionieren nur, wenn Du den Kopf frei hast.
Wer den ganzen Tag Feuer löscht, kann nicht streichen, nicht fokussieren, nicht strategisch denken...
Der erste Schritt ist eine ehrliche Zeitinventur.
Und zwar so:
Deine Zeitinventur in vier Schritten
- Zeichne Dir einen Quadranten auf ein Blatt Papier. Die waagerechte Achse ist Spaß: Auf der einen Seite "nervt mich", auf der anderen "gibt mir was". Die senkrechte Achse ist Geld: Oben "bringt mir Geld", unten "kostet mich Geld".
- Notiere Dir alles, was Du diese Woche getan hast. Termine, Routineaufgaben, E-Mails, Telefonate, Buchhaltung, Akquise, Strategie. Wirklich alles. In einem Takt, der für Dich Sinn ergibt.
- Sortiere jeden Eintrag in einen der vier Quadranten. Macht Spaß und bringt Geld? Oben rechts. Nervt Dich, kostet Geld und bringt nichts? Unten links. Das wird unbequem, weil Du Dinge sehen wirst, von denen Du gehofft hattest, sie wären nicht so schlimm.
- Pack Deine Worst Offender in den Vordergrund. Alles, was unten links landet, also nervt und kostet, gehört als Erstes von Deinem Tisch. Entweder ganz gestrichen oder Du gibst es an einen Mitarbeiter, an einen Dienstleister oder an einen KI Agenten.
Bei manchen Dingen wirst Du nichts ändern wollen, weil sie Dir Spaß machen, auch wenn sie nicht zwingend wirtschaftlich sind. Völlig in Ordnung.
Bei anderen wirst Du noch keinen Weg finden, sie loszuwerden. Auch das ist okay. Doch die offensichtlichen Worst Offender bekommen ein neues Zuhause.

Der zweite Schritt ist die unbequeme Frage.
Denn wenn Du Klarheit über Deine Zeit hast, kannst Du auch ehrlich auf Dein Geschäftsmodell schauen.
- Wo ist Deine Zielgruppe in fünf Jahren? "Wächst sie nach", oder altert sie weg?
- Wo ist Dein USP, wenn KI alles Generische ohnehin liefert?
- Was trägt Dein Geschäft, wenn die Kanäle und Distributionswege, auf die Du Dich seit Jahren verlässt, sich verschieben?
Diese Fragen treffen jede Branche, die ihre Wertschöpfung in den letzten 5 bis 20 Jahren nicht ernsthaft überprüft hat.
Und dann: nicht alles auf einmal. Ich habe selbst genug Leichen im Keller, von denen ich weiß, dass sie eigentlich weg müssten, und die trotzdem noch da sind. Das liegt daran, dass es schlauer ist ein Ding nach dem anderen anzugehen.
Bäume wachsen nicht schneller, wenn Du sie anschreist. Vertrauen auch nicht. Veränderung im eigenen Unternehmen auch nicht.
Deswegen zeichne Dir noch diese Woche Deinen Quadranten auf und filter, was Du als erstes streichen und angehen solltest.
Hinweis
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Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht.
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