Zwischen Weltuntergang und Wunderheilung

The Shortcut

Lass die da oben rennen

Das große KI-Rennen kannst Du nicht gewinnen. Deinen eigenen Hebel schon.

Anfang September hat eine künstliche Intelligenz eine Aufgabe gelöst, an der sich die klügsten Köpfe der Welt fast hundert Jahre lang die Zähne ausgebissen haben. Generation um Generation, keiner kam durch.

Es geht um die sogenannten Navier-Stokes-Gleichungen. Die beschreiben, wie Wasser strömt und wie Wirbel entstehen. Sie gelten als eines der größten ungelösten Rätsel der Mathematik. Und die KI hat das Ding in ein paar Tagen geknackt.

Ich muss zugeben, ein bisschen fasziniert mich das. Doch im selben Moment wird mir auch mulmig.

Denn ich sitze hier als Mittelständler aus dem, sagen wir mal, leicht verstaubten Deutschland und will doch eigentlich nur gute Arbeit machen und meinen Laden erfolgreich am Laufen halten. Währenddessen frage ich mich: Was hat dieser ganze Wahnsinn da draußen eigentlich mit mir zu tun?

Wir sind ja alle mit Science-Fiction- und Zukunftsfilmen groß geworden, Zurück in die Zukunft, Matrix, 2001: Odyssee im Weltraum. Manchmal denke ich, wir stecken da gerade mittendrin.

Nur dass die Wirklichkeit gleichzeitig noch irrer und alberner ist als jeder dieser Filme.

Sortieren wir das Ganze also mal in Ruhe. Was passiert gerade wirklich, was davon ist nur Show und vor allem, was heißt es am Ende für Dich und Deinen Betrieb?

Patrick Lenz ist Inhaber von top.media, Innovationstreiber & Wissensvermittler.

Unsere heutigen Themen

  1. Was hinter den Schlagzeilen steckt
  2. Warum das nicht Dein Rennen ist
  3. Wo Dein echter Hebel liegt

01

Was hinter den Schlagzeilen steckt

So beeindruckend diese Mathe-Lösung ist, dahinter steckt ein ziemlicher Kindergarten.

OpenAI hat die Lösung veröffentlicht. Allein waren sie damit aber nicht. Zwei Mathematiker waren nämlich auch schon dran. Seit rund einem Jahr tüftelten sie mit Hilfe von KI an genau diesem uralten Rätsel. Und einer von ihnen arbeitet bei Anthropic, dem größten Konkurrenten von OpenAI.

Als die beiden ihren Durchbruch hatten, sprach sich das herum. Wenige Tage später warf OpenAI zehntausend KI-Agenten auf dieselbe Aufgabe, um als Erster fertig zu sein. Das hat geklappt.

Ganz sauber war das aber nicht. Die zwei Mathematiker hatten für ihre Arbeit die Programme von OpenAI benutzt. Hinterher fragten sie, ob OpenAIs KI dabei heimlich aus ihren Sitzungen mitgelernt hat. OpenAI sagte nur, man könne es nicht ausschließen.

Dann bot OpenAI dem einen Mathematiker an, ihn als Mit-Autor der Lösung zu nennen. Aber nur unter einer Bedingung. Der Kollege von Anthropic sollte verschwinden, sein Name durfte nicht auftauchen.

Als der Mathematiker sich weigerte und drohte, das öffentlich zu machen, fragte man ihn allen Ernstes, ob er sich denn wirklich seine Karriere ruinieren wolle. Er ließ sich nicht einschüchtern und machte den ganzen Austausch öffentlich.

Im Netz haben sie das dann mit Mafiafilmen wie Der Pate verglichen. Andere nannten es einen Wettbewerb, wer am weitesten pinkeln kann.

Das sind erwachsene Weltkonzerne. Und sie benehmen sich wie im Sandkasten.

Dieses Sandkastenverhalten ist gerade überall, nicht nur bei diesem einen Mathe-Beweis. Im Wochentakt kommen neue KI-Modelle raus, von OpenAI, Anthropic, Google, Meta. Jeder will der Erste sein, jeder brüllt lauter als der andere.

Satirischer Comic: die großen KI-Konzerne als Zirkus im Sandkasten

Besonders ein Wort fällt dabei ständig. AGI, kurz für Artificial General Intelligence. Damit ist eine KI gemeint, die praktisch alles kann, was ein Mensch kann. Nicht nur eine einzelne Aufgabe. Eine Art übermenschliche Intelligenz.

Das Problem ist, für diese AGI hat jeder seine eigene Definition. Jeder legt die Messlatte dahin, wo es ihm gerade passt. Und so kann auch jeder behaupten, diese übermenschliche KI sei jetzt da.

Dazu kommt, dass inzwischen auf fast allem „KI” draufsteht. Vieles davon ist aber gar keine KI. Es ist ganz normale Automatisierung, die es längst vor dem ganzen Hype gab. Das Etikett klebt heute auf allem und keiner weiß mehr, was wirklich drinsteckt.

Über all dem streiten sich zwei besonders laute Lager.

Das eine Lager ruft Weltuntergang. Und das ist nicht nur Panikmache. In genau diesen Wochen haben mehrere Forscher bei den großen KI-Laboren gekündigt und öffentlich gewarnt, diese Technik könne die Menschheit auslöschen. Einer der obersten Sicherheitsleute bei Anthropic schätzt die Gefahr auf über zehn Prozent in den nächsten zehn Jahren.

Das andere Lager verspricht das Paradies. Da erzählen Dir Leute stolz, sie hätten dreihundert Mitarbeiter und die seien in Wahrheit alle KI. Fragst Du nach, was ihre Firma eigentlich herstellt, kommt nichts Konkretes. Mehr Show als Substanz.

Und selbst die Chefs dieser KI-Firmen springen zwischen beiden Lagern hin und her. In dem einen Monat heilt ihre Technik bald Krebs, im nächsten kostet sie Dich Deinen Job oder bringt uns alle um. Alle paar Monate eine neue Ansage.

Kein Wunder, dass die meisten Leute irgendwann einfach abschalten.

Für Dich ist hier der erste wichtige Punkt. Glaub nicht jede Schlagzeile, weder die glänzende noch die düstere. Das meiste davon ist einfach nur Lärm und erstmal nicht wichtig.

02

Warum das nicht Dein Rennen ist

Und jetzt schau mal genau hin. Auf dieses ganze Schauspiel da oben hast Du null Einfluss.

Ob am Ende OpenAI vorne liegt oder Anthropic, ob das nun AGI ist oder nicht, das entscheidet sich nicht an Deinem Schreibtisch.

Klar, irgendwann kommt die Technik auch bei Dir an, wie jede große Erfindung vorher. Aber wann Du sie nutzt und wofür, das entscheidest Du selbst. Das Rennen um das größte Modell ist einfach nicht Dein Rennen.

Die eigentliche Gefahr ist auch gar nicht, dass die KI Dich morgen überrollt. Die Gefahr ist, dass Du Dich im Zuschauen verlierst.

Du hast das Gefühl, Du musst mithalten. Also abonnierst Du jeden Newsletter, probierst jedes neue Modell aus, guckst jedes Tutorial. Je mehr Du davon in Dich reinschaufelst, desto kleiner fühlst Du Dich. Am Abend hast Du den ganzen Tag konsumiert und trotzdem nichts bewegt.

Ein Mensch winzig vor einer riesigen Wand aus flackernden Bildschirmen

Ich nehme mich davon nicht aus. Dieses Gefühl, dass mein bisschen Krempel hier doch keinen Unterschied macht, das kenne ich selbst gut genug.

Aber dieses Ohnmachtsgefühl kommt nur daher, dass Du auf das falsche Rennen starrst. Denn es gibt eines, das Du sehr wohl gewinnen kannst. Es läuft nicht in San Francisco. Es läuft bei Dir im Betrieb.

Und dieses Rennen gewinnst Du nicht mit dem neuesten Modell. Du gewinnst es, indem Du mit der Technik, die es längst gibt, genau die Probleme löst, die Dich bei Dir täglich aufhalten. Da bist Du den Konzernen sogar voraus, weil nur Du weißt, wo es in Deinem Betrieb wirklich hakt.

03

Wo Dein echter Hebel liegt

Vielleicht denkst Du jetzt, die Technik wird doch immer besser und billiger, also warte ich lieber noch, bis sie richtig reif ist. Denn wann ist überhaupt der richtige Moment, um einzusteigen?

Den perfekten Moment gibt es nicht. Das ist wie beim Autokauf. In der Sekunde, in der Du vom Hof fährst, ist der Wagen schon wieder alt. Und trotzdem ist gar nichts tun eben auch keine Lösung.

Eine Sache hat sich aber wirklich verändert. Sich etwas bauen zu lassen, das genau auf Dein Problem passt, ist heute so günstig wie noch nie. Ein kleines Tool, das aus Deinen chaotischen Bestell-Mails automatisch eine saubere Liste macht. Oder eines, das Dir jeden Freitag den immer gleichen Report zusammenklickt, für den bisher jemand eine Stunde braucht.

Sowas kannst Du heute einfach ausprobieren, Spaghetti gegen die Wand werfen und schauen, was kleben bleibt. Klappt es nicht, hast Du eine Woche verloren und kein Vermögen.

Bei den großen Standardprogrammen läuft es umgekehrt. Denk an die riesigen Namen wie SAP oder Salesforce. Da heißt es, richte Dich nach uns oder lass es bleiben. Die Dinger sind überladen und teuer. Am Ende biegst Du Deinen ganzen Betrieb um die Software herum, statt dass die Software zu Dir passt.

Wir erleben das immer wieder. Ein Betrieb hat sich vor Jahren für so ein großes Programm entschieden, das eigentlich alles können sollte, von den Angeboten über die Aufträge bis zur Rechnung. Die neue Version, die vieles besser machen sollte, wurde von Jahr zu Jahr verschoben. Heute halten sich die Leute mit Notlösungen über Wasser, pflegen nebenbei Excel-Listen und klicken sich für simple Dinge durch viel zu viele Masken. Die Arbeit läuft einfach nicht rund.

Patrick Lenz sitzt nachdenklich an seinem Schreibtisch vor dem Monitor

Im Kopf des Chefs sitzen dann zwei Stimmen. Die eine sagt, wirf das Zeug endlich raus, es schadet uns. Die andere sagt, wir haben da Jahre und viel Geld reingesteckt, ich kann doch nicht bei null anfangen. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.

Auffällig ist nur, womit viele ihr Problem dann sofort überschreiben. Mit dem Wort KI. Wir bräuchten jetzt endlich KI, heißt es. Dabei braucht es die oft gar nicht. Häufig ist die einfachste Lösung ein kleines Werkzeug, das genau passt. Kein großes KI-Feuerwerk.

Nutz also diesen Moment. Nur pass auf, wofür genau. KI allein ist noch keine Lösung. Das Wort steht heute auf allem drauf und sagt Dir am Ende gar nichts. Was Dich wirklich weiterbringt, ist Dein konkretes, nerviges Problem, endlich sauber gelöst.

Frag also nicht, ob KI draufsteht. Frag, welches Problem das Ding für Dich löst.

Und dann werd konkret. Nimm Dir die eine Sache, die Dich im Alltag am meisten aufhält. Öffne einen KI-Assistenten wie Claude Code oder ChatGPT und sprich einfach per Sprache drauflos.

Erzähl, wie Dein Workflow gerade läuft, wo es hakt und wie das perfekte Ergebnis für Dich aussehen würde. Du kannst ihm sogar einmal Deinen ganzen Ablauf zeigen. Daraus baut er Dir oft schon einen kleinen Helfer für genau diese Aufgabe. Das passt nicht auf alles, ist aber ein guter erster Test.

Nimm Dir dafür eine halbe Stunde Zeit und schau, was dabei herauskommt. Du wirst überrascht sein, wie weit Du ganz allein schon kommst.

Für die kleinen Sachen reicht das oft aus. Wenn es dann aber um sensible Kundendaten geht oder darum, eine fertige Software zu finalisieren und für Dein Team bereitzustellen, dann macht es Sinn, mit jemandem zu sprechen, der das schon oft und regelmäßig gemacht hat.

Und keine Sorge, bevor Du es nicht ausprobierst, kannst Du auch nicht wissen, was überhaupt alles möglich ist. Wie so oft sitzen wir am Anfang alle vor einem weißen Blatt und wissen nicht wie oder wo wir starten sollen. Deshalb ist es oft wichtig, einfach mal zu sprechen. Zu zweit findet man den richtigen Weg viel schneller als allein beim Grübeln.

Dadurch bleibst Du dann in der gesunden Mitte. Du springst nicht auf jeden Hype-Zug auf, der gerade durchs Dorf getrieben wird. Aber Du machst auch nicht die Augen zu und tust so, als ginge Dich das alles nichts an.

Nimm das Auto. Aber wisse, wohin Du fahren willst.

Patrick Lenz im Auto, entspannt, Blick nach vorn

Und sollten die Maschinen irgendwann doch die Weltherrschaft übernehmen, dann treffen wir uns eben alle in einer Hütte im Wald, schön weit weg von der ganzen Technik. 😉

Das war der Shortcut für diese Woche

Das große Rennen da draußen ist nicht Deins. Der Betrieb unter Deinen Füßen schon.

Lass die Konzerne rennen. Hol Dir in Ruhe die eine Lösung ins Haus, die genau Dein Problem löst.

Bis nächsten Donnerstag,
Patrick & das top.media Team

Aber ein Hinweis: Wer diesen Beitrag hier liest, ist mindestens eine Woche zu spät dran. Denn der Shortcut erscheint jeden Donnerstag um 10 Uhr per E-Mail in Dein Postfach. Hier auf der Website wird er erst eine Woche zeitversetzt veröffentlicht. Wenn Du in Zukunft zu den Ersten gehören willst und immer die aktuellsten News erfahren willst, trag Dich unten ein.

Welches Problem soll es für Dich lösen?

Nimm die eine Sache, die Dich im Alltag am meisten aufhält. Wir schauen gemeinsam, ob dahinter überhaupt KI stecken muss oder ob ein kleines, passgenaues Werkzeug reicht, und womit Du anfängst. Einmal raus aus dem Tagesgeschäft, ein neutraler Blick von außen und jemand, der mit Dir am Unternehmen arbeitet und nicht nur darin.

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